Die Heimkehr

Dienstag, 2. Oktober – 18. Pilgertag

Heute ist mein letzter Pilgertag. Aber nur für dieses Mal, eine Wiederholung ist nach den einzigartigen Erfahrungen der ersten Pilgerschaft gewiss. Ich kann es mir gar nicht vorstellen morgen aufzustehen und nicht zu gehen. So im Gehen durch die Stadt Laufen fällt mir die Kirche an der Straße auf. Hier haben nicht nur fast alle privaten Häuser Sonnenenergieanlagen, sondern offenbar auch das Gotteshaus. Ich finde es sehr passend, dass die Kollektoren in der Kreuzform auf dem Kirchendach angebracht sind. Die haben offenbar alles berücksichtigt. Warum in Österreich die Erzeugung von Sonnenenergie nicht in dem Ausmaß gefördert wird, bleibt mir sowieso ein Rätsel. Eine Energiewende mit dem Hinweis, dass wir Hainburg nicht aufgesperrt haben, wird wohl nichts bringen. Der Ausbau der Wasserkraft hat auch nicht überall Freunde und die Windräder sind für unser Tourismusland nicht unbedingt eine gute Landschaftskulisse.

Kirche mit Sonnenenergie in Kreuzform

Bevor ich über die Salzach auf heimatlichen Boden komme, lese ich an einem Bauernhaus noch folgende Weisheit:

„Wer nia fest liabt und a ned lacht,

Wer wax und lez is und koan Fehla macht,

Wer nia gut ißt und trinkt zugleich:

Der ist lebendig scho a Leich!“

Wie wahr, wie wahr! Ich nehme mir vor, mich fest daran zu halten, was mir sicher nicht sehr schwer fallen wird, wie ich meine, wiewohl die Arbeit auch getan gehört. Um 10:30 Uhr überquere ich die stahlgenietete, kaiserliche Brücke aus dem Jahre 1902 zwischen Laufen und Oberndorf, ehemalig eine gemeinsame Stadt. Ein ganzes Empfangskomitee erwartet mich auf der österreichischen Seite.

Meine Frau Maria, unser Sohn Constantin, meine Mutter, meine Schwester Helga, Tante Greti mit Onkel Franz, der Nußdorfer Gemeinderat Hias Angerer, der Pilgerwegbeauftragte Salzburgs Anton Wintersteller, der stellvertretende Inspektionskommandant von Obertrum Manfred Haderer, unser Fraktionsobmann Dietrich Marius,  mein Vorgänger als Vizebürgermeister und langjährige politischer  Wegbegleiter  Franz Schmidhuber sowie eine Delegation der Polizeiinspektion Oberndorf klatschen begeisterst, wie ich heimatlichen Boden betrete. Wolfgang Weber von der Salzburg Krone macht etliche Fotoaufnahmen von uns. Er will am nächsten Tag in Salzburgs größter Zeitung von dem Empfang und der Pilgerung berichten.

Mit Sohn Constantin an der Kaiserbuche

Nach einer kurzen Begrüßung und Schilderung einiger Impressionen von der Wanderung machen wir uns in Richtung Seekirchen auf. Ganz besonders freut mich, dass mein 22-jähriger Sohn den ganzen Geburtstag lang an meiner Seite ist und neben Hais Angerer und Manfred Haderer mit mir den Weg nach Seekirchen, die letzte Etappe, geht. Nach dem Aufstieg auf den Haunsberg, der uns ganz schön ins Schwitzen bringt, werden wir von den Brunnauers an der Kaiserbuche verköstigt, da der Wirt dienstags seinen Ruhetag hat. 1779 hat hier der spätere Kaiser Josef II gestanden und Aussicht über Bayern und weite Teile Salzburgs, das ja damals noch nicht zu Österreich gehörte, genommen. Da sein Besuch nicht angemeldet und daher den Behörden nicht bekannt war, befand er sich illegal in Salzburg. Die an diese Grenzverletzung erinnernde Buche war zu Beginn unseres Jahrtausends Opfer eines Sturms geworden. Und so pflanzte 2005 der große Europäer Erzherzog Otto von Habsburg eine neue Buche. Bezirkshauptmann Mag. Reinhold Mayer hat ein interessantes Büchlein über die Geschichte und die Geschichten vom Haunsberg geschrieben, das oben auch erhältlich ist.

Jause an der Kaiserbuche

Im Anschluss gehen wir bergab auf Obertrum zu. Manche Leute am Wegesrand erkennen mich und wissen von meiner Mission, die medial schon öfters zu lesen war. Ein kurzes Händeschütteln und ein paar freundliche Worte werden gewechselt. Alle freuen sich ein wenig an meiner glücklichen Wanderung Anteil nehmen zu können. Beim “Bräu z`Trum” werden wir mit einem Seidl Bier empfangen. Danach der letzte Anstieg auf meiner Pilgerreise auf Kothgumprechting. Beim Zimmerlenzen (Tischlerei Ibertsberger) erwartet uns ein Schnäpschen, gereicht von der Gitti. Während des Gehens an der Landesstraße winken immer wieder freundliche Leute aus den Fahrzeugen.

Gegen 17 Uhr treffen wir in Seekirchen auf die Henndorfer Altherren Musik. Die einzigartige Kapelle spielt uns zum Hofwirt. Ein Menschentraube wartet dort schon und als wir eintreffen entfacht sich ein Blitzlichtgewitter der anwesenden Fotografen. Die Bergheimer Polizisten, Freunde, politische Wegbegleiter, Familienmitglieder und viele Seekirchner sowie Gäste aus anderen Gemeinden sind da. Gereicht wird Freibier und eine Pilgersuppe, die dem Wirt hervorragend gelungen ist.

Eintreffen in Seekirchen mit der Henndorfer Altherren Musik

Mit musikalischer Umrahmung entwickelt sich ein harmonischer und lustiger Abend, an dem alle sehr glücklich sind. Ich freue mich im Kreise solch lieber Menschen meinen Geburtstag feiern zu können. Nicht pompös und nicht mit großem Buffet, sondern einfach und bescheiden. Neben den Organisatoren vor Ort, dem www.flachgau.tv und der großartigen Musik bedanke ich mich bei meinen Kindern und meiner Frau für die Unterstützung des ganzen Unternehmens.

Tochter Diana, Sohn Constantin und die stolze Mutter

Tochter Diana hat in einer organisatorischen Meisterleistung alle Wanderkarten von Worms bis Salzburg aufgetrieben. Constantin ist für meine Wanderausrüstung, wie dem praktischen und leichten Rucksack verantwortlich. Ganz besonders danke ich ihm für die Bundesheersocken, die weitere Blasen verhindern konnten. Und natürlich auch meiner Frau Maria, die  während des ganzen Unternehmens immer helfend und unterstützend für mich da war. Ich liebe und danke euch!

 

Schnatternde Gänse und “missgebildete” Bäume im Land des Salzheiligen

Montag, 1. Oktober – 17. Pilgertag

Die Sonne scheint nicht, aber regnen tut es auch nicht. So breche ich nach dem Frühstück im wolkenverhangenen Waging vom Unterwirt auf. Dem Wirt sei Dank! Als er gestern erfuhr, dass ich mich auf Pilgerreise befinde, gibt er mir sein tadelloses Zimmer für € 20 – mit Frühstück! Vergeltsgott!

Waginger See von Mühlberg gesehen

In der sanften, hügeligen Landschaft gehe ich von Gehöft zu Gehöft, oft durch Wiesen und Wälder. Die Gänse schnattern ganz aufgeregt, als sie mich sehen und laufen auf mich zu. Ich habe den Eindruck sie wollen den Hof bewachen, so wie Hunde es tun sollten. Zu nahe lasse ich sie nicht kommen, habe ich doch ein wenig Respekt vor ihren Schnäbeln. Lange werden sie wohl nicht mehr schnattern. In einem Monat ist Martini, dann werden sie verstummt sein. So ist der Lauf der Dinge im bäuerlichen Jahreskreis.

schnatternde Gänse bewachen den Bauernhof

Mein Gehen oberhalb des Waginger Sees ist feinste Seelennahrung. Ich kann alles so intensiv wahrnehmen. Wie der Wald nach Schwammerl riecht, die Tierstimmen, das Landschaftsbild sowie einzelne Besonderheiten. So sticht mir ein Baum ins Auge, der zuerst waagrecht und dann erst senkrecht gewachsen ist. Eine Fehlbildung, eine Missbildung, ein behinderter Baum? Nein, der Baum hat so eine Strahlkraft, trägt die besten Äpfel und ist eine besondere Schönheit. Werde ich zukünftig Menschen mit Fehlbildungen oder glaublichen Mängeln auch so sehen? Ich bin mir sicher!

Missgebildeter Baum – eine Schönheit für sich

Seit Waging bin ich im Rupertigau. Ursalzburger Gebiet. Der Salzheilige begegnet mir auf Schritt und Tritt. Er wird ja auch “Apostel der Baiern” genannt. Und noch was ist neu: Der gerade geschaffene St. Rupert-Pilgerweg führt von Altötting nach Waging und hier weiter nach Laufen und später nach Seekirchen. Morgen werde ich auf der Salzachbrücke Toni Wintersteller, den Pilgerwegebeauftragten Salzburgs treffen. Er will mich ein Stück begleiten und ich bin schon neugierig, was er von dem neuen Weg erzählt.

Der Hl Rupert wird auch gerne als der Salzheilige bezeichnet

Kurz vor Laufen stoße ich auf mehre Protestschilder. Ich habe keine Ahnung vom Neubau der B 20, weiß aber schon, dass die Straße hoch frequentiert ist. Es scheint, dass es Pläne gibt, den Verkehrsweg aus der Stadt Laufen zu verlegen. Natürlich denke ich sofort an die Starkstromleitung durch Salzburg und den Bau der Hochleistungsstrecke durch Seekirchner Wohngebiet. Wie sich doch oft die Probleme diesseits und jenseits der Salzach gleichen…

Proteste der Menschen müssen ernst genommen werden

Truchtlachinger Sonntagsmesse, bayrisches Kernland und wen der Sensenmann winkt

Sonntag, 30. September – 16. Pilgertag

Nach der verregneten Nacht schaffen es am Morgen die ersten Sonnenstrahlen durch die dichten Wolken. Die Ortschaft „Seeon” am Klostersee ist ein wunderbares Kleinod mit einem großen, schönen Kloster am See. Trotzdem muss ich mich aufmachen. Um 10 Uhr beginnt die Sonntagsmesse in Truchtlaching, das an der Alz liegt. Eiligen Schrittes geht des durch die bayrische Kernlandschaft. Schon von weitem höre ich das Geläute der Kirche – zsammleitn tan`s – wie die Leute hier sagen.

Klostersee mit dem schönen Kloster

Die Kirche ist bis auf die Reihe eins ziemlich voll. Der Pfarrer und zwei Diakone halten die Liturgie ab. Im Evangelium geht’s um eine Stelle im Jakobusbrief. Jesus sagt, wer nicht gegen mich ist, ist für mich! Woraus der Prediger ableitet, dass man darauf vertrauen darf, dass die Menschen einem gut gesonnen sind, es sei denn, es hat dir jemand das Gegenteil ausdrücklich gezeigt oder gesagt.

Die Sonntagsmesse in Truchtlaching an der Alz

Mit den Gedanken an die Predigt und das daraus gestärkte Grundvertrauen in die Menschen mache ich mich durch landwirtschaftliches Kulturland nach Traunreut auf. Kühe, Pferde und Hühner treffe ich links und rechts des Weges an. Zu Mittag treffe ich in Traunreut ein und schreibe gleich mal die ersten Zeilen für den heutigen Tag.

vermutlich glückliche bayrische Hühner

Nachmittags gehe ich wieder durch wertvolles Bauernland. Auf Schritt und Tritt trifft man hier auf fromme Menschen. Wegkreuze und Kapellen gibt es fast an jeder Weggabelung. Oft sind die kleinen Kapellen aus Dankbarkeit für die Rückkehr aus menschenverachtenden Kriegen nach einem Gelübde errichtet worden. Immer werden die Kriege von 1866-1870 (deutschfranzösischer-) und 1914-1918 (Erster Welt-Krieg) erwähnt. Eine Dankbarkeitskapelle die nach dem 2. Weltkrieg errichtet wurde, konnte ich nicht finden. Zu schrecklich war wohl der Krieg und das Ende, sodass auch die Überlebenden und Heimgekehrten keine Dankbarkeitsgedenkstellen errichteten.

Einer der vielen Gedenktafeln in den Dankeskapellen

Wie ich so gehe denke ich, dass der Beruf des „Herrgottsschnitzers“ in Bayern und wohl auch in Österreich gute Berufsaussichten hat. Bei der Menge an Gekreuzigten. Nur so schnitzen müsste man halt können! Plötzlich werde ich aus den Bildern des barocken Herrgottsanblicks in die Neuzeit geschleudert. Ein ganz moderner Bildstock aus Beton und Nirostametall bäumt sich vor mir auf. Eindringlich das Bild und die Worte: Ein Sensenmann, der Tod, und dazu die Worte: „Nütze die Zeit – bis zur Ewigkeit“. Wie wahr und ich bin mir sicher die letzten 17 Tage meiner Pilgerung im besten Sinne dieser Aufforderung genützt zu haben.

Moderner, aber eindringlicher Bildstock

Von Wasserburg zum Klostersee

Samstag, 29. September – 15. Pilgertag

Gegen 8 Uhr breche ich bei leichtem Nieselregen auf und lasse den Inn und die historische Altstadt von Wasserburg hinter mir. Eine besuchenswerte schöne Stadt  mit freundlichen Menschen. Das Frühstück im Paulanerbräu war einfach aber gut. Es geht bergauf nach Eiselfing und dann nach Evenhausen. Auch hier wird der Name Mozart „vergewaltigt“, treffe ich doch sogar hier auf einen Radweg mit seinem Namen. Später komme ich am Bauernmuseum und noch ein Weilchen später am Automobilmuseum vorbei, wo der Weg geradeaus ins Zentrum von Amerang führt. Ein Ort zum Mittagmachen, zumal der Regen noch intensiver geworden ist.

Das bekannte Automobilmuseum

Ich denke mir den Weg nach Obing aus. Dort könnte ich übernachten. Beim Losgehen merke ich aber, dass der in der Karte eingezeichnete Gehweg entlang der Überlandstraße gar nicht vorhanden ist. So disponiere ich kurzer Hand um und wähle das Gebiet um den Klostersee als mein Abendziel. Am Horizont kann seit einiger Zeit schon immer mehr und mehr die Konturen der Alpen erkennen. Das gibt mir irgendwie ein heimatliches Gefühl.

Blick in die heimatlichen Alpen

Auf dem Weg durch Wiesen und Felder treffe ich auf eine Austragbäuerin, einen interessierten Hobbyphilosophen und vorm Fremdlinger Hof den Bauern. Alle zeigen sich an meiner Wanderung sehr interessiert und geben mir gute Ratschläge. Der Bauer sagt, schlaf beim Neuwirt in Seeon. Der ist gut und nicht zu teuer. Im Gespräch erzählt er, dass es hier am Land immer schwieriger wird. Die Wirtschaften sperren alle zu und auch die Landwirte haben größte Probleme mit der Nachfolge. „Heutzutage ist das Wichtigste die Freizeit und nicht mehr Beruf“, begründet er die Schwierigkeiten mit der Weiterführung der Betriebe. Und ein Gastwirt und ein Bauer haben halt keine geregelte Arbeitszeiten, was auf Kosten der Freizeit geht. Und über das Diktat der Landwirtschaftsindustrie zur Saat der Maismonokulturen könnten wir tagelang diskutieren…

Herbstkatzerln

Der Himmel hat wieder aufgehellt und so gehe ich frohen Mutes Richtung Klostersee. Erfreue mich an so manchem pflanzlichen Gruß am Wegesrand und ganz besonders über die vielen Tiere, die mich neugierig beäugen! Abends wird’s ruhig in Seeon am Klostersee. Ein idyllischer Fremdenverkehrsort, der es geschafft hat, fast bei einer Art Unberührtheit zu bleiben, obwohl das Meer der Bayern – der Chiemsee – hier nicht mehr weit ist.

Gottes Geschöpfe sind wunderbar

Ohne Füße und ohne Hände zwischen Grafing und Wasserburg

Freitag, 28. September – 14. Pilgertag

Der Herrgott meint es heute wieder ganz besonders gut mit mir. Ein sonniger Herbsttag wie er im Bilderbuch steht. Ideal zum Wandern und Pilgern. Es steht die Strecke von Grafing nach Wasserburg auf dem Plan. Ungefähr 28 oder 29 Gehkilometer. Erst gegen 9 Uhr breche ich auf. Das Frühstück im Hotel „Hasi“ mit Bergen von kleingeschnittenem Obst hatte Haubenqualität. Grafing ist überhaupt ein lieblicher, kleiner Ort mit Geschäften und vielen Wirtschaften (Wirtshäuser auf salzburgerisch!).

Ich gehe südostwärts und freue mich immer wieder wie viele Feld- Wiesen- und Waldwege bei den Wanderungen zu entdecken sind. Beim Gehen werden alle Sinne viel sensibler. Die Nase, die Ohren und auch die Augen. So entdecke ich im linken Augenwinkel ein Herrgottskreuz. Der Gekreuzigte hat abgesägte Arme und abgesägte Füße! Ein Vandalenakt? Erst die Inschriften links und rechts schaffen Klarheit. Der an allen Gliedmaßen amputierte Jesus soll und klar machen, dass wir für ihn arbeiten, gehen und sprechen müssen, um die Menschen auf seinen Weg zu führen. Ein schöner Auftrag, den dieses Wegkreuz erteilt…

Herrgott ohne Füße und Hände

Wie ich noch so im Gedanken weitergehe, komme ich mitten in der Einschicht zwischen Haging und Frauenneuharting auf eine Lichtampel. Ich traue meinen Augen nicht. Während meiner ganzen Anwesenheit fährt auch kein einziges Fahrzeug vorbei. Eine mit Strom betriebene Ampelanlage in der Pampa? Was immer dazu geführt hat, mir kommt es kurios vor! Aber von kuriosen Verkehrszeichen und Verkehrsregelungen könnte ich ja aus Salzburg auch so manches berichten!

Einsame Lichtverkehrsanlage im Grünen

Am Weg nach Pfaffing treffe ich eine Radfahrerin. Sie gesellt sich einige Zeit zu mir und wir unterhalten uns ganz gut. Die Mitfünfzigerin erzählt, dass sie völlig vegan und in Wohngemeinschaft mir ihrer Schwester lebt. Dann erwähnt sie die Steigerungsstufe von vegan. Die Ernährung von Licht, von der Sonne! Im Grundkurs dafür gibt’s 21 Tage überhaupt nichts zu essen und sieben Tage davon darf man auch nichts trinken. Zu dem Zeitpunkt steige ich gedanklich aus der Unterhaltung und gehe mit meiner Sonnenenergie auf Wasserburg zu. Und das Weißbier, welches ich mir dann gönne, das ist mindestens so gut wie ´“Lichtnahrung“, wie ich glaube! Bettmäßig komme ich im Gasthaus Paulaner unter. Direkt gegenüber dem Rathaus. Ein schöner alter Bau um den ich die Wasserburger beneide. Aber vielleicht wird ja unser Seekirchner Gemeindeamt in ein paar Jahrhunderten auch mal als schön, romantisch, heimelig und zum Stift und zur Kirche passend empfunden.

Schönes Rathaus von Wasserburg

 

 

Raus aus München ins liebliche Grafing

Donnerstag, 27. September – 13. Pilgertag

Nachdem ich nächtens wieder aus dem Oktoberfest besessenen München auswaggoniert werden musste,  setze ich Vormittag meine Wanderung ab dem Stadtteil Haar wieder weiter und komme auf Vatterstetten. Von dort geht’s über Zorneding nach Eglharting, wo ich Mittagspause mache.

Ich komme mit meinem Tischnachbarn ins Gespräch. Bernd, wie er heißt, erzählt mir von seinem früheren Berufsleben. Er war „Geldmacher“ – auf bayrisch a „Geudscheißa“ – wie er lachend sagt. In seiner Firma wurde nicht der Euro gedruckt, sondern auch Banknoten für Staaten aller Kontinente. Aber auch Aktien und Staatsanleihen sind druckfrisch durch seine Hände gegangen. 1962 ist er der Arbeit wegen von Berlin nach Bayern übersiedelt und hier geblieben. Seine Aufgabe war es die Druckplatten für den Kupfer- und Stahltiefdruck zu gravieren. Die Firma hat auch das hochwertige Papier selbst hergestellt. Sie musste nach dem Krieg ihren Standort von Dresden nach München verlegen. Sein ehemaliger Chef, so erzählt er stolz, habe dann sogar die Bambi Burda von dem großen Verlag geheiratet. Und was sagt ein „Geudscheißa“ zur Bankenkrise: „Denen gehört das Gas abgedreht! Warum sollen wir zahlen, wenn die Banken Verluste machen und die das Geld selber einstecken, wenn sie Gewinne machen?“ Und ein neuer Vorschlag: „Wir Kleinen haben geblutet und die Banken gerettet. Als Dank könnten nun die Banken im Gegenzug den kleinen Schuldnern die Kredite erlassen!“

Ich ziehe weiter über Kirchseeon den einsamen Feldweg nach Grafing. Einer lieben, kleinen Stadt im Herzen Bayerns. Dort schlafe ich auch im Gasthaus „Hasi“.

 

Einsame Pilgerwege

Ein Plakat sticht mir so ins Auge, dass ich es fotografiere. „Rinder sind weder dumm, noch lila. Es ist ihnen nicht egal wie sie leben und wie sie sterben. Unterstützen sie mit ihrem Kauf nicht die Produktion von Billigfleisch. Ich liebe das Leben und du?“ Die rennen bei mir offene Türen ein, denke ich laut. Wenn im Billigmarkt „Bauerngeselchtes“ oder „Almrind“ angeboten wird, so stammt das Produkt meist nicht aus den Ställen der kleinen Bauern aus Salzburg oder den Betrieben hier. Nein es sind riesengroße Mastbetriebe mit 6000 Schweinen oder tausenden Kühen. Solche Schweinemastanstalten habe ich auf dem Pilgerweg hier in Bayern gesehen. Die Rinderkolchosen sind eher im ehemaligen Ostblock zu finden. Wir, die Konsumenten haben es selbst in der Hand, was produziert wird. Wer Billigfleisch kauft fördert die Massentierhaltung und ist schlussendlich auch dafür mitverantwortlich. Kein Bauer bei uns könnte mit seiner liebevollen und aufwändigen Tierhaltung zu diesen Preisen überleben. Tun wir also uns was Gutes, den Bauern und den Tieren!

Das Plakat kann ich nur auf allen Linien unterstützen

Ein Kurzbesuch auf dem Oktoberfest

Mittwoch, 26. September – 12. Pilgertag

Nachdem ich von meinem ländlichen Nachtasyl aus Türkenfeld retour gekommen bin, gehe ich von Aubing südwärts und dann entlang der Westeinfahrt direkt ins Stadtzentrum. Der Generalvikar residiert in der Rochusstraße 5. Als ich die Adresse endlich gefunden habe, sagt mir der Portier, dass der kirchliche Würdenträger nicht da sei. Auch meine Bitte um Hilfe für eine kirchliche Unterkunft fruchtet nichts. Im nahegelegenen Polizeipräsidium komme ich ebenfalls nur bis zum Portier. Und Bett für mich für die kommende Nacht weiß er auch keines. Hier regiert zur Zeit nur die „Wiesn“!

Salzburger Nasenclub-Gang

Ich war mein Lebtag noch nicht auf dem Oktoberfest. Aber schon seit gestern weiß ich, dass der Zentralraum München während dieser Zeit Kopf steht. War ich in Rheinland-Pfalz, in Hessen oder in Baden-Württemberg mit meiner Lederhose noch der „Hingucker“, so bin ich jetzt einer von Abertausenden. Auch das Drindlgwand gibt’s hier inflationär. Aber zweifelsohne hübsch zum Anschauen sind die Mädels und Frauen in der Traditionsbekleidung.

A Mass und a Radi-Jaus`n gesponsert vem Pilger von Franz & Franz

Gegen 13 Uhr treffe ich wie kurz abgesprochen die Delegation des österreichischen, deutschen und amerikanischen Nasenclubs vor der Theresienwiese. Wir besuchen gemeinsam ein Festzelt und ich bin erstaunt, wie kritiklos die Menschen hier € 10 für eine nicht einmal voll eingeschenkte „Maß“ hinlegen, Auch die anderen Preise erinnern mich eher an den Nobelskiort St. Moritz als an ein Volksfest der Massen.

Das große Ringelspiel

Und schon wieder treffe ich auf Spuren eines Salzburgers in deutschen Landen. Die Bayern verdanken ihre Wiesenglückseligkeit einem Thalgauer! Es war nämlich die Idee von Staatssekretär Carl Ehrenberg Freiherr von Moll im Jahr 1811 ein landwirtschaftliches Fest in München zu veranstalten. Ein Salzburger Staatssekretär im bayerischen Landwirtschaftsministerium? Nach den Angriffskriegen Napoleons war Salzburg als selbstständiger Staat ausradiert worden. Von 1802 bis zum finalen Wiener Kongress waren wir wechselweise anderen Staaten und dabei zweimal Bayern angeschlossen. Erst 1816 kamen wir endgültig zu Österreich und sind damit nach dem Burgenland das zweitjüngste Bundesland des Alpenstaates.

.. und sooo viele Herzel!

Vom Kaiser Ludwig, vom hilfsbereiten Polizeichef und vom schrulligen Geigenbauer Paul

Dienstag, 25. September – 11.Pilgertag

Herrliches Wanderwetter, auf geht’s! Aus dem Industriegebiet von Mammendorf komme ich zur Ortschaft mit dem bezeichnenden Namen „Galgen”. Danach geht es mit Ziel München auf Fürstenfeldbruck zu. In der Gemeinde Puch stoße ich auf den großen Gedenkstein von Ludwig dem Baier, der hier im Jahre 1347 in den Armen eines Bauern gestorben ist. Ludwig der Baier war damals auch römischer Kaiser, ein Titel, den später nur mehr die Habsburger führten.

Hier starb der Ludwig der Baier in den Händen eines Bauern

Ende September und der Großraum München! Eine Kombination, die Wies`n bedingt jedes Jahr für Engpässe bei den Gästezimmern sorgt und natürlich auch die Preise in die Höhe treibt. € 120 pro Bett und Nacht sind keine Seltenheit, wobei es sich dabei um den unteren Qualitätsbereich handelt. Da ich an der Polizeiinspektion Ganghoferstraße vorbeikomme, besuche ich die deutschen Kollegen und frage auch gleich mal nach Insidertipps. Der Dienststellenleiter, Polizeihauptkommissar Hartmann und seine Assistentin Frau Bernhard, nehmen die Sache gleich selbst in die Hand. Und siehe da, ein Zimmer für € 35 mit Frühstück wird ausfindig gemacht. Zwar etwas außerhalb von München, aber immerhin ein Bettchen für müde Wandererfüße.

Polizeihauptkommissar Hartmann und seine Assistentin

Durch die Bettennot in München und der tatkräftigen Hilfe der bayrischen Polizei verschlägt es mich in die Ortschaft Türkenfeld. Noch bevor ich mein Zimmer im Gasthaus Drexl beziehen kann, treffe ich auf Paul Lijsen, der heuer sein 50-jähriges Geigenbauerjubiläum feiert. Die Instrumente baut er mit viel Liebe aus Fichte und Ahorn. In seinem Keller lagern unzählige Rohlinge aus feinstem Holz. Dann zeigt er mir auch seine Werkstatt in der Zankenhausenerstraße 3 und führt mich in die Grundbegriffe des Geigenbauens ein. Zum Schluss spielt er mir noch ein kleines Liedchen vor.

 

Beim Geigenbauer!

 

Bevor ich gehe, erzählt mir der Mann, dass die Ortschaft Türkenfeld früher Durinfeld hieß und bis zum Jahr 995 zum Erzbistum Salzburg gehörte. Dann wurde es den Augsburgern geschenkt, weil es zu aufwändig war, den kleinen Ort von so weit weg zu regieren. Wirklich spannend, was man so abseits der Großstadt alles erfährt!

Zum Schluss gibt`s ein Liedchen

Beim Generalvikar in Augsburg

Montag, 24. September – 10. Pilgertag

Obwohl ich im Klosterbett der Abtei bestens schlafe, bin ich schon früh wach. Vielleicht die Aufregung, werde ich doch um 8:30 Uhr im Bischöflichen Ordinariat empfangen. Ein Ort wohin man als Normalsterblicher nicht so oft kommt. In Salzburg war ich 2003 einmal in diesen geweihten Räumen. Erzbischof Dr. Kothgasser war neu ins Amt eingeführt worden und wir unterhielten uns über den Priestermangel am Lande und seine Absicht schwarze und osteuropäische Priester auf Zeit nach Salzburg zu holen.

Die schaurige Atmosphäre des Augsburger Gefängnisses

Noch in der Finsternis spaziere ich durch Augsburg. Gleich in der Nachbarschaft entdecke ich das große Augsburger Gefängnis. Die Insassen wurden offenbar gerade geweckt. Stimmengewirr deutet darauf hin. Allerdings deutsches Wort kann ich keines hören, was nicht heißt, dass Deutschsprachige hier nicht einsitzen. Aber vielleicht sind sie morgens sprachlich nicht so impulsiv oder derart in der Minderheit, dass ihre Wortspenden untergehen. Ich erinnere mich an unseren Besuch im Gefängnis in Stein an der Donau. Der Gefängnisleiter sagte uns damals, er habe aus allen Herren Länder Häftlinge. So viele, dass sie wöchentlich eine Gefängnis-Fußball-WM veranstalten können!

 

Besuch bei Generalvikar Harald Heinrich in “Sinnhofer”-Lederhose

Geschneutzt, gestriegelt und in Lederhose stehe ich knapp vor halb 9 Uhr im Bischöflichen Ordinariat (fünf Minuten vor der Zeit, ist des Gendarmen Pünktlichkeit – Anstandslehre auf der Burg Hohen Werfen!). Generalvikar Harald Heinrich hat sofort Zeit für mich. Ein Generalvikar ist kirchenrechtlich der Stellvertreter des Bischofs und somit eine nicht ungewichtige Persönlichkeit. Wir unterhalten uns gleich von Anfang an sehr gut und er will alle Details meiner Pilgerschaft wissen. Ich überreiche ihm die Ortschronik „1300 Jahre Seekirchen”, die einige Seiten über den Hl. Rupert enthält. Auch auf meinen Beitrag ab Seite 794 weise ich hin. Neben der Geschichte der Seekirchner Gendarmerie wird darin der Sachverhalt vom Sexualmord im Jahre 1947 im Riedlwald an einer jungen Lehrersgattin durch einen Russen beschrieben. Zeithistorisch sicher von Interesse, da dieser Mord das letzte vollzogene Todesurteil in Österreich (1949) zur Folge hatte. Vollzugsort: der Galgen im Hof des Gefängnisses in der Schanzlgasse in Salzburg.

Der Alf aus Ried (Bayern) wäre gerne mitgepilgert

Wir verplaudern uns einige Zeit, danach spute ich mich aber. Zwar liege ich noch vor der Zeit, aber mittwochs möchte ich in München sein. Freunde aus dem Flachgau haben sich angesagt. Sie wollen auf die „Wiesn” zum Oktoberfest und es mit einem Treffen mit dem „Lederhosenpilger” kombinieren. „Schau ma mal, dann seh ma schon”, würde dazu Fußballkaiser Beckenbauer sagen. Den Weg südostwärts nehme ich heute etwas hurtig. Es zieht und drückt nichts und das Gehen macht totalen Spaß. Leichter Regen zwischendurch, macht mir nicht wirklich was. Aufmunternd ist vor allem „Alf”, der kleine Hund, den den ich in der Ortschaft Ried treffe. Er wäre bereit mit mir mitzugehen, aber sein „Herrli” hat was dagegen. So legt er sich halt in seiner Art der Zuneigungsbekundung auf den Rücken und hofft von mir gestreichelt zu werden…

 

Dem Lech entlang nach Augsburg

 

Sonntag, 23. September, 9. Pilgertag

Nach dem Frühstück besuche ich die Sonntagsmesse in der Kirche des Klosters Holzen. Pater Horst hält sie persönlich. Und trotz seiner merklichen Behinderung gelingt es ihm die Menschen in der Kirche in seiner Predigt mitzureißen. Man hätte eine Stecknadel fallen hören, so ruhig und interessiert hörten alle zu: „… und wir wollen doch alle ein bisschen sein, wie Jesus, sonst wären wir heute Morgen nicht hierher gekommen…“

 

Sonntagsmesse im Kloster Holzen

Danach besuche ich nochmals Lucas, Valentina, Kerstin und Ralf, um mich zu verabschieden. Heute geht es gerade dem Lech entlang ins Herzen von Augsburg. Ich brauche nicht einmal eine Wanderkarte. Nur dem Flusse Richtung Süden folgen. Der Lech geleitet mich den ganzen Tag. Hier, nicht mehr viele Kilometer vor seiner Einmündung in die Donau, ist aus ihm ein gemächliches Wasser geworden. Man kann sich in diesem Teil des Flusses seine ungezügelte Wildheit in Lech am Arlberg, wo er entspringt und woher er auch seinen Namen hat, gar nicht vorstellen. Vielleicht ist das Gewässer auch ein wenig wie die Menschen. In der Kindheit, der Jugend wild und unbezähmt und mit zunehmenden Alter ruhiger, besonnener und nicht mehr so leicht aufregbar.

 

Der Lech entspringt in Lech am Arlberg

Während meiner Wanderung treffe ich – obwohl Sonntag – bis zur Stadt Augsburg fast keine Menschen. Viele Stunden bin ich mit der Natur eins. Das Gehen verändert die Tage hinweg die Gedanken. Man merkt es nicht gleich. Aber nach mehr als einer Woche fühle ich mich gestärkt und in meinem Tun gefestigt. Warum habe ich das nicht schon früher gemacht? So wohltuend ist diese Pilgerreise.

 

Im Zentrum von Augsburg gehe ich Richtung St. Stephan, als ein weißhaariger Mann mit Fahrrad an mir hält. „Sie sind der Pilger, der heute Nacht in der Benediktinerabtei schlafen möchte?“ So ein Zufall – oder göttliche Fügung! Ich musste keinen einzigen Passanten fragen, um ans Ziel zu kommen. Pater Othmar ist die gute Seele der Abtei und für die Gäste zuständig. Er zeigt mir das ganze Kloster, das auch ein Gymnasium beherbergt. Er erzählt mir die Geschichte der Benediktiner in Augsburg. Sie feiern heuer das 1000-jährige Gründungsjubiläum. Auch den Österreichbezug des Klosters erzählt er mir. 1802 wurde das Kloster säkularisiert und als man um 1835 den Betrieb wieder aufnehmen durfte, suchte sich der Abt Mönche in Österreich. Und so kamen zu dieser Zeit etwa 30 Männer aus dem Kaiserreich nach Augsburg.

 

Gut geschlafen in der Benediktinerabtei

In dem Bett des Klosters schlafe ich wunderbar. Am Morgen gibt’s noch feines Frühstück, bevor ich zur Audienz bei Generalvikar Harald Heinrich aufbreche.

 

Hier gibts Klosterfrühstück

 

 

Halbzeit bei Lucas und Valentina

 Samstag, 22. September 8. Pilgertag

Zur Dämmerung hole ich mir eine Breze vom Bäcker und gehe im Anschluss durch die historische Dillingener Innenstadt zur Donau. Nach Rhein und Neckar treffe ich nun auf den dritten großen europäischen Fluss, der hier allerdings noch zierliche Ausmaße hat. Es geht dann lange ganz eben durch Wiesen, Felder und Auen. Keine spannenden Wege, nur gehen, nach ein, zwei Stunden habe ich so einen richtigen Trott drauf. Es ist irgendwie Trance ähnlich. Kommt man durch das Gehen wirklich Gott so nahe? Aus meinen Gedanken werde ich erst durch das umtriebige Leben des Städtchens Wertingen mit ihrer herrlichen Kirche gerissen. Zudem fängt es an zu regnen. Erstmals auf meinem Weg! Dass ich die Pelerine immer mitgeschleppt habe, zeigt sich jetzt als gute Investition, auch wenn ich das Gewicht des Rucksacks zu schwer empfinde.

 

Übernachtet wird heute im Kloster Holzen, nahe Nordendorf. Zuvor treffe ich aber noch auf mein Patenkind Lucas Spallek in Ellgau. Er wird im Oktober zehn Jahre und besucht nun das Gymnasium in Donauwörth. Seine Mutter, Kerstin, haben wir bei einem Familienurlaub 1992 in Mallorca kennengelernt. Sie war Anziehungspunkt unserer Kinder, ganz besonders des damalig zweijährigen Constantins. Mit den Worten „Wasser bief“ eroberte der kleine Mann Kerstins Herz, machte er sie doch so charmant auf die Gefahren des Meeres aufmerksam. Vielleicht wurde damals schon der Grundstein für sein großes Engagement in der Wasserrettung Wallersee und bei der Feuerwehr gelegt.

 

Kirche in Wertingen

Fußwaschung

Mit einem riesigen Plakat von Lucas und Porträtbildern von der umtriebigen Valentina am Garagentor werde ich von den Kindern und ihren Eltern Kerstin und Ralf in Ellgau empfangen. Für die müden Pilgerfüße hat Lucas auch ein Fußbad mit Kräutern vorbereitet – wie wohltuend! Ein, zweimal jährlich komme ich hier her und besuche die Familie und ganz besonders Lucas. Daher ist mir die Gegend gut bekannt und fühle mich sehr wohl hier.

 

Lucas heißt mich herzliche willkommen

 

Das erlösende Fußbad

Kloster Holzen

Das riesige Kloster bietet nicht nur Unterkunftsmöglichkeiten – auch für Nichtpilger sehr empfehlenswert, da völlig neu saniert – sondern weiters eine Gastronomie und eine sehr schön gestaltete Kirche. Um 20:00 Uhr dürfen wir noch Pater Horst in seinen Privatgemächern besuchen. Er hat vor neun Jahren Lucas hier getauft. Leider muss er seit fünf Jahren mit den Folgen eines Schlaganfalls leben und kann die linke Körperseite nicht bewegen. Trotzdem kommt er seinen seelsorglichen Verpflichtungen nach. Morgen wird er die Sonntagsmesse zelebrieren, die ich sicher besuche. Lucas bekommt zum Abschied noch ein paar Süßigkeiten und wir machen uns zu einem Abendessen ins Gasthaus auf.

Der Himmel wird wieder blauweiß

Freitag, 21. September – 7. Pilgertag

Brrr! Als ich um 7 Uhr das Gasthaus verlasse, sehe ich die angeeisten Scheiben der Autos. Es hat also über Nacht gefroren. Der Sulzau-Wandersteig führt mich waldwärts zur Industriestadt Giengen. Im Wald ist es kalt und meine Finger würden locker Handschuhe vertragen. Plötzlich landet auf der Wiese vor der Stadt direkt neben mir ein Kleinflugzeug.

Einen kleinen Espresso und ein Internetcafe, um meine Tagesberichte zu mailen, suche ich. Den Kaffee finde ich, den Internetzugang nicht. Es ist vermutlich noch zu früh, für derartige Lokale, die des Öfteren auch mit Spielautomaten verknüpft sind. Daher mache ich mich nach Osten auf und folge den breit angelegten Rad- und Wanderwegen.

Hundehochzeit

Zwei Gemeinden später, in Bachhagel, platze ich mitten in eine außergewöhnliche Hochzeit. Zuerst glaube ich, in der Ortschaft findet eine große Hundeveranstaltung statt. Die Hunde sitzen mit ihren Herrchen und Frauchen vor dem Gemeindeamt. Spalier sozusagen! Dann tritt plötzlich aus dem Standesamt das frisch vermählte Paar Hanni und Berni heraus. Diesmal müssen nicht die Hunde die Kunststücke machen, sondern das Brautpaar. Und: die Hunde schauen zu! Mit Bravour schaffen es die Beiden über die Hundehindernisse und sie müssen dann mit minifuzzi Scheren ein großes Herz mit ihren Namen aus dem Leintuch schneiden. Sogar als Zaungast bekomme ich Prosecco und Hans aus der Hochzeitsgesellschaft erzählt mir, dass es Beide zum zweiten Mal versuchen, weil ihre ersten Ehen schief gegangen sind.Ich stoße mit dem glücklichen Brautpaar an, wünsche langes Glück und mache mich nach Wittislingen auf.

Zwiebelturm, Gold und Erntedank

Die Sonne scheint und der Weg geht ohne schwere Orientierung nach Wittislingen. Dort sehe ich eine Kirche mit Zwiebelturm. Als nun schon erfahrener Pilger weiß ich, dass evangelische Kirchen nicht barockisiert und der spätromanische oder gotische Stil beibehalten wurde. Der Zwiebelturm ist ein untrügliches Zeichen, dass es sich um ein katholisches Gotteshaus handelt. St. Peter ist eine herrliche Kirche. Hier mitten auf dem Lande? Viel Gold und schöne Verzierungen im Inneren, geschmückt zum Erntedankfest. Statt mittags in einem Gastgarten verweile ich längere Zeit in der Kirche. Ein guter Zeitpunkt, ein perfekter Ort ein wenig in sich zu gehen. Neben den schönen Gedanken für die Seele, danken es mir auch meine Füße, die sich nach Entspannung sehnen.

Blauweißer Himmel

Ohne es so richtig begriffen zu haben, hatte ich den Weißwurstäquator überschritten. Seit Bachhagel befinde ich mich im Bundesland Bayern. Nach Rheinland-Pfalz, Hessen und Baden-Württemberg bin ich nun schon im vierten deutschen Bundesland. Das Wetter und der Himmel sind hier heute wie die Landesfarben: blauweiß. Meine Wanderlederhose wird ab jetzt für selbstverständlich genommen. So treffe ich gegen 16:30 Uhr in Dillingen, einer großen alten Kreisstadt ein. Unzählige alte Häuser, Kirchen und Klöster gibt es hier. Zwei etwa fünfundsiebzigjährige freundliche Nonnen kann ich nicht ernstlich überzeugen, im Frauenkloster der Franziskaner übernachten zu dürfen. So nehme ich im Gasthof zur Traube Unterkunft, wo ich ein wirklich nettes Zimmer bekomme. Und ob die weiße Taube vorm Haus etwas mit dem Heiligen Geist zu tun hat, muss ich mir von kompetenter Stelle erst abklären lassen?

Dort wo sich Fuchs und Hase gute Nacht sagen – Lederhosennackte Wadln

Donnerstag, 20. September – 6. Pilgertag

„Morgenstund hat Gold (Kilometer) im Mund (Füßen)!“ Wie wahr, wie wahr, ganz besonders beim Pilgern! Vor Mittag geht es sich am leichtesten. Heute hat es aber erstmalig Herbsttemperaturen (etwa 6 Grad). Meine „lederhosennackten Wadln“ zucken zusammen, beim ersten Außenluftkontakt. Die Nacht verbrachte ich im „Christlichen Gästezentrum Württemberg“ . Tief und fest schlief ich bis 5:30 Uhr. Vorm Einschlafen habe ich noch in der Bibel geblättert. Zuvor hat sie mir die nette Dame von der Rezeption geschenkt, nachdem ich ihr von meiner außergewöhnlichen Reise erzählt habe. Sie war beeindruckt und wäre am liebsten ein Stück mitgegangen. Eigentlich will und kann ich meinem Rücken zuliebe nichts Zusätzliches mehr mitnehmen, aber bei der Heiligen Schrift mache ich doch eine Ausnahme.

Durch Wald, auf Berge und geradeaus nach Heidenheim

Von Gmünd geht es nach Bargau und hoch zur Kitzinger Ebene, wo ich den prominenten Jakobsweg kreuze. Nach dem hin und wieder steilen Anstieg habe ich 700 m Seehöhe erreicht – zum Vergleich Gmünd liegt etwa 300 m ü.d.M. Geradeaus führt der Weg nach Bartholomä, von wo es einsam im Wald nach Zang geht. Dort grüßen mich die tüchtigen Asphaltierer ganz freundlich sprechen mir Mut zu. Ich gehe die letzten acht Kilometer voll motiviert nach Heidenheim a.d. Brenz weiter, muss ich doch nicht die schwere Arbeit der Straßenbelagsarbeiter tun. 50.000 Einwohner zählt die Stadt und die Burg hoch droben heißt Schloss Hellenstein. Eigentlich weit weg vom Schuss, aber eine enorme Arbeitsplatzkapazität hat die Stadt. Techno-Betriebe wechseln sich mit Bergbauprodukten ab. Nach einer kurzen Altstadtbesichtigung suche ich eine einfache Unterkunft. Im Süden der Stadt, im Industrieviertel, finde ich sie. Für € 28 heißt der Besitzer meines Bettes diese Nacht Gasthaus Lamm. Einfach, aber sehr sauber und die Wirtin freundlich bemüht.

Geh alleine!

Sechs Pilgertage liegen hinter mir. Ungefähr ein drittel meines Vorhabens. Ein Ratschlag an mich war: „geh alleine, du kannst besser in dich gehen und offener auf andere zugehen“ Genau so ist es! In diesen sechs Tagen habe ich Menschen kennengelernt, die hätte ich zu Zweit oder in der Gruppe nie getroffen, nie angesprochen. Sei es der Pilger, der seit 24 Jahren seinen Frieden sucht, der Herr Weeber, der mir die Geschichte von Heilbronn und der evangelischen Kirche verständlich machte, der Murrhardter Asylant in der Hühnerfarm oder Jörg der Schwäbisch Gmündner Bratwurst-Rebell. Und die, die ich aus Platzgründen gar nicht anführen konnte. Der Blinde, die römische Dame und viele mehr. Allesamt auf ihre Art intelligente und vor allem liebenswerte Menschen. Ich danke dem lieben Gott für diese Erfahrungen und vor allem dafür, was diese Mensche mir für meinen weiteren Lebensweg an Positivem mitgegeben haben! Und ich freue mich schon auf die Menschen, die in den nächsten Tagen auf mich zukommen werden…

Der römische Weg von Murrhardt nach (orientalisch!) Schwäbisch Gmünd

Mittwoch, 19. September – 5. Pilgertag

Ohne Frühstück mache ich mich wieder frühmorgens in den Süden auf. Von Murrhardt geht`s gleich steil nach oben auf den Waltersberg auf 500 m Seehöhe. Dort treffe ich auf einen mittelalterlichen Bildstock mit dem gekreuzigten Jesus. Ich halte eine kurze Andacht! Nach dem zackigen, waldigen Weg geht es kilometerlang gerade aus auf Welzheim zu. Ich gehe entlang des Limes. So manche Turmruine zeugt noch davon. In Welzheim besuche ich die Ruinen eines großen römischen Castells. Danach führt mein Weg weiter nach Pfahlbrom und über Alfdorf nach Schwäbisch Gmünd.

 

Alle Wege führen nach Rom

Der heutige Tag steht stark unter römischen Einfluss. An meiner Wanderroute verlief bis ins dritte Jahrhundert der Limes. Jener Grenzwall, mit dem sich Rom vor den wilden Völkern der Germanen schützte. So wie bei uns der Name “Mozart” wird hier der Limes für alles verwendet. Es gibt “Limeskuchen”, “Limesbier”, ein Plakat lädt zum “Limesfest” und vermutlich noch viel mehr an Limesnamen. Die Römer hatten sich nach Missernten, Bürgerkriegen und anderen Unstimmigkeiten nach Süden zurückgezogen und so den Grenzwall aufgegeben. Die Germanen machten sich das Land zu eigen. Obwohl ich kein Frühstück hatte, geht es mir verpflegungsmäßig sehr gut.Unzählige Obstbäume säumen meinen Weg in dieser fruchtbaren Gegend. Äpfeln, Birnen und Zwetschken standen auf meinem Speisezettel – köstlich, so frisch!

Orientalisierung der Gmünder Imbissszene

In Schwäbisch Gmünd fällt mir gleich ein riesiger Sandhaufen mit Kinderspielplatz am Stadtplatz auf. Mütter erzählen mir, dass die Stadtverwaltung in der Fußgängerzone zur Sommerzeit immer einen Spielplatz errichtet. Eine klasse Sache und ich denke über Nachahmungsmöglichkeiten nach. Dann treffe ich Jörg, den Mann vom Würstelstand im Zentrum. Wenn er schneller Spricht stottert er fürchtlich, aber liebenswürdig. Er hat die Initiative “Rettet die Bratwurst” in Gmünd gegründet. Warum? Viele seiner Ansuchen, in der Fußgängerzone einen mobilen Würststand betreiben zu dürfen, wurden immer wieder vom Oberbürgermeister abgelehnt. Andererseits sperrte ein Döner-, Bosna- Asia-, oder Kebapstand nach dem anderen auf. Bei knapp 30 Prozent Ausländeranteil traute sich der Bürgermeister nicht nein zu sagen. Da kam Jörg zur Idee gegen die “Orientalisierung der Gmündner Imbissszene” die Bürgerbewegung “Rettet die Bratwurst” zu gründen – den Schriftzug trägt er am Leibchen! Und, oh Wunder, die Genehmigung flatterte alsbald ins Haus!

 

Löwensteiner Berge und wo das Ei herkommt?

Dienstag, 18. September – 3. Pilgertag

Schon früh um 6 Uhr habe ich fertig gepackt. Über den Grünmarkt, wo mir eine nicht ungeschwätzige Standlerin den Weg weist, mache ich mich ostwärts in die Löwensteiner Berge auf. Die heutige Tour gleicht fast den Wegen, die ich aus den Salzburger Bergen kenne. Freilich nicht so hoch, aber doch bergige Wanderwege. Bergauf, berab und durchwegs im Wald. Der Römerweg führt zur Stadt Löwenstein. Ein entzückendes kleines Städtchen inmitten von weitläufigen Weinbergen. Ich darf dort auch gleich den heurigen Wein verkosten. Der süsse Most schmeckt sehr gut. Lange kann ich nicht bleiben, denn mein Weg führt noch über Spiegelberg, Sulzbach ins Städtchen Murrhardt. Dort treffe ich gegen 18 Uhr ein. Der Weg war zwar von landschaftlicher Schönheit gekennzeichnet, jedoch auch sehr anstrengend. Und immerhin zwölf Stunden bin ich auch schon unterwegs.

Blasen und sonstige Missgeschicke

Ich habe es gestern schon erwähnt. Zwei kleine Bläschen an den Ferseninnenseiten machen mir das Gehen nicht gerade leichter. Blasen von meinen weichen, gedämpften und leichten Laufschuhen zu bekommen, hätte ich nie für möglich gehalten. Mit Blasenpflaster schaffe ich mir gute Erleichterung. Im Wald passiert mir dann noch ein Missgeschickt. Als sich ein dringendes Bedürfnis bemerkbar macht, hüpfe ich so schnell aus der Lederhose, dass sich der linke hintere Trägerknopf verflüchtigt. Ledernähzeug hab ich keines mit. So muss halt mit einer kleinen Schnurr improvisiert werden.Bei einer Brücke treffe ich auf die Figur des Hl Nepomuks. Ich klage ihm von dem mir widerfahrenen Unbill und der Brückeheilige muntert mich wieder auf.

Asylant sorgt für tägliches Ei

Abends lerne ich Costel (Constantin) kennen. Ein durchaus sympatischer Rumäne, der 1990 aus seiner Heimat geflohen ist. Er war damals 18 Jahre und hatte sich im Zugwaggon zwischen Waggondecke und Dach versteckt. Asyl wurde ihm gewährt und später kam es zur Zuteilung nach Murrhardt. Er spricht perfekt deutsch. Gearbeitet habe ich immer, wie er betont. Seit acht Jahren ist er in einem hiesigen Geflügelbetrieb beschäftigt. Der Migrant gibt mir ein wenig Einblick in sein Berufsleben. Drei Arbeiter haben 25000 Hennen zu versorgen. Mit sechs Wochen beginnen die Tiere Eier zu legen und mit zehn Monaten holt sie dann der Entsorger, für fünf Cent das Stück. Sein Chef sagt, wenn das Huhn nicht mehr täglich ein Ei legt, dann sei es unwirtschaftlich. Vollautomatisiert kommen die Tiere gegen 17 Uhr in ihre Legeabteilungen. Morgens um Fünf muss dann das Ei herausrollen. Passiert das nicht mehr regelmäßig, bedeutet es das Todesurteil für die arme, ausgebeutete Kreatur. Über eingesetzte Pharmamittel bei den Hühnern weiß er nicht viel. Nur: “natürlich werden sie geimpft”. Bedenklich über die unglaubliche Massentierhaltung und deren Auswüchse mache ich mich ins Bett auf. Der Tag war lange genugt.Aber ob ich mit diesen Gedanken gut schlafen kann?

 

Von Rohrbach nach Heilbronn – oder was mich mit Bettina Wulff verbindet

Montag, 17. September – 3. Pilgertag

Eines ist mir die ersten Wandertage klar geworden: nicht nur die Gattin des deutschen Expräsidenten Bettina Wulff hat hat ein Problem mit google. Auch meine ausgedruckten Wanderkarten haben nur bedingte Aussagekraft. Es ist unmöglich die angegebenen Straßen – Bundesstraßen – am Rand zu begehen. Der Verkehr ist viel und fürchterlich schnell. So bleibt es mir nicht erspart zuerst die autofreien Wanderruten zu suchen und dann nach Wanderkarte und Auskunftspersonen zu maschieren. Klar, die Autofahrer haben recht, sie dürfen 100 km/h fahren. Jedoch hat der im Auto ein anderes Geschwindigkeitsgefühl, als jener am Straßenrand. Aber das ist mir als Polizist ein durchaus bekanntes Phänomen. Auf der einen Seite freie Fahrt für freie Bürger, anderseits sollen vorm eigenen Wohnhaus die Fahrzeuge womöglich vorbeigetragen werden. Der Standort bestimmt halt den Standpunkt.

Pfarrer und Friseur

Der heutige Tag besticht durch klares Wanderwetter – nicht zu heiß, nicht zu kalt und trocken! Ab 7:15 Uhr führt der Weg nach Steinsfurt und über Ittlingen nach Massenbachhausen. Eine wunderbare Wanderung durch Wiesen und Fluren. So manches Wegkreuz lädt zum Verweilen ein. Die Seele kann man so richtig baumeln lassen. Ich denke an viel und gleichzeitig an nichts. Die ganze Gegend ist evangelisch. Nur in Massenbachhausen ist eine katholische Kirche. Zu Mittag treffe ich dort ein. Leider gelingt es mir icht, dort jemand anzutreffen. Nach den angeschlagenen Bürozeiten hat der hiesige Pfarrer seine Arbeitszeit nach den Friseuren gerichtet. Montag geht gar nichts! Auch an der Klingel Privat rührt sich keiner. Ich kaufe mir beim Bäcker Wasser und breche auf nach Heilbronn.

Carl Günther Weeber – ein Glücksfall

In Heilbronn beziehe ich eine einfache Pension zu € 39 (Großstadtpreis!). Zwei Blasen haben sich angemeldet, aber davon später. Ein echter Glücksfall ist, dass ich vor der evangelischen Kirche beim einem Kölsch zu einem Euro mit Carl Günther Weeber ins Gespräch komme. Gleich merke ich, wie belesen der Mann ist, obwohl er lange die Katze nicht aus dem Sack lässt, was seine Profession ist. Der Mann, rüstige 81 Jahre alt, weiß tausende Geschichten von der Stadt. Die Menschen aus dem Arbeiterbezirk Böckingen nennt man zum Beispiel seit Jahrzehnten “Seeräuber”, wie er sagt. Man erzählt sich, dass dort die Jungen früher zum 14. Geburtstag vom Bürgermeister ein Messer bekommen haben. Der Stadtteil ist ein richtiger sozialer Brennpunkt. Aber eigentlich verbringt der Mann seine Rente als evangelischer Kirchenführer zu St. Kilian. Er weiß eine Unmenge von der Kirchengeschichte und erzählt mir, wie er als 13-jähriger Bub die Brandbombenangriffe der Engländer und Amerikaner erlebt hat.Schrecklich einfach! Heilbronn wurde ja zur Gänze zerstört. Und woher kommt der Name Heilbronn? Er sperrt mir nach 20 Uhr noch die riesige Kirche auf und zeigt mir das Taufbecken. Unter der Kirche befindet sich eine Quelle, die das Becken direkt speist. Heilbronn – heiliger Brunnen! Nun muss er aber heim, sonst schimpft seine Frau, wie er sagt. Als Beweis für eine Entschuldigung gebe ich meine Visitenkarte und meinen Wanderplan mit. Guten Nacht und vielen, vielen Dank für das wunderbare Gespräch.

Nach Morgenmesse rettet Feuerwehr Fräulein

Sonntag, 16. September – 2. Pilgertag

Auf zur Morgenmesse

7.30 Uhr Frühstück, dann gehts auf den Boxberg bei Heidelberg nach Lingental. In der Morgensonne glitzern die Sandfelsen links und rechts des Weges wie große Edelsteine. Ich biege nach Süden in einen Feldweg ab und gehe in der hügeligen Landschaft auf den Ort Gauangelloch zu. Dort treffe ich etwas verspätet zur Sonntagsmesse ein. Die Kirche gehört auch zu St. Peter. Nach dem Empfang der Hl. Kommunion und Messe mache ich mich nach Schatthausen und dann nach Zuzenhausen auf, wo ich zu Mittag eintreffe.

1. Fuballbundesliga

Entlang der Eisenbahn gehts bis Hoffenheim. Dort spielte bis zum Sommer der Seekirchner Andreas Ibertsberger in der 1. Fußballbundesliga. Ich schau mir das Stadion an. Heute ist spielfrei und finde eigentlich niemanden, mit dem ich mich über Andreas unterhalten hätte können. Aber ein Bild vom Stadion mache ich!

Fräulein aus brennendem Haus gerettet

Folgend geht`s nach Sinsheim, eine große Kreisstadt! Die Hauptstraße ist abgesperrt. Ein Fest! Die Feuerwehr feiert ihr 150-jähriges Bestehen. In historischen Uniformen zeigen sie eine Brandlöschung aus alter Zeit. Aus dem brennenden Rathaus wird ein Fräulein gerettet und die mutigen Feuerwehrmänner werden mit einem Küsschen belohnt. Ich trinke zur Unterstützung der hiesigen Feuerwehr ein Pils und vergönne mir eine Laugenbreze dazu. Im Gespräch sagt mir der Feuerwehrler, der die Brezen verkauft, dass ich später nach Rohrbach weitergehen soll. Dort gibt es eine gute Pilgerpension. Dort um 17:30 Uhr angelangt, werde ich von der Wirtin einmal durch und durch gemustert. Erst als ich ihr von meinem Pilgerweg erzähle, sagt sie mir ein Bett zu und fragt noch, ob € 27,– mit Übernachtung eh nicht zu teuer sind?

Gefühl der Ruhe, aber auch anstrengend

Der heutige Pilgertag verläuft viel ruhiger, als die zwei Tage zuvor. Der Trubel der großen Städte Worms, Mannheim und Heidelberg liegt hinter mir. Die Landschaft, die schönen Wanderwege und das Gehen vermitteln mir das Bild und das Gefühl der Ruhe. Die Weite der Gegend gibt mir eigene Gedanken ich fühle mich schon in wenig als richtiger Pilger. Nach dem Aufstehen dachte ich mir, wie das wohl wird mit den müden Füßen vom Vortag und dem doch sehr angestrengten Rücken. Bis zum Nachmittag spüre ich fast nichts, was mich sehr überrascht. Gegen Abend hin hängt sich der Rucksack doch wieder schwer an und auch die Füße zeigen an, dass sie sich nach Ruhe sehnen.

Verirrt zwischen Lampertheim und Heidelberg

Samstag, 15. September – 1. Pilgertag

Früh um 7:30 Uhr breche ich auf.In der Nacht hat es stark geregnet, die Wege trocknen langsam auf. Abkürzungsmäßig nehme ich den Weg durch den riesigen Vierheimer bwz. Käfertaler Wald. Plötzlich, nach etwa einer Stunde hört der Weg unvermittelt im Wald auf. Ich packe meine Wanderkarte aus, dreh sie links und rechts, nach oben und nach unten… es hilft nicht, in der Karte ist ein Weg – in der Natur aber nicht. Was tun? Ich entsinne mich meinr Bundesheerausbildung und mache mich dem Sonnenstand entsprechend durchs Dickicht in die vermutete Richtung auf. Den Spuren nach muss es hier Unmengen von Wildschweinen geben, mich lassen sie aber unbehelligt. Ein wenig mulmig kann einem schon werden. Kreuz und quer geht es durch den wilden Wald, bis ich doch Zivilisation finde und ein freundlicher Radfahrer zeigt mir den Weg. Das ist ja ein schöner erster Tag der Pilgerreise – gleich verirren!!

Anstrengende und lange Ettape

Dannach geht es zu einer Mannerheimer Siedlung. Der Weg dorthin ist auch waldig und mit alten Grenzsteinen versehen. 1783 lese ich in den Steinen, welche die Grenze zwischen den Bundesländern Hessen und Rheinland-Pfalz markieren. Auch komme ich an einem riesigen Areal der US Force vorbei. Alles verlassen und mit Stacheldraht abgesicht. Gespenstisch oder friedlich – ich werde mir selbst nicht einig! Nach einem langen Marsch schaffe ich es zum Nekar. Entlang des Flusses geht es über Ladenburg – Stadt seit dem Jahre 98! – nach Heidelberg, wo ich um 17 Uhr eintreffe. Ich bin natürlich viel weiter als die angepeilten täglichen 30 km gegangen und die Füsse freuen sich auf die Dusche und die abendliche Ruhe. Auch der Rucksack hat sich schön angehängt. Dabei hab ich nur das Notwendigste mitgenommen. Aber vielleicht kommt man mit noch weniger auch?

Alten Pilger getroffen

In Heidelbergs engen Gassen und Plätzen sind heute Tische und Verkaufsstände aufgestellt. Es wird gefeiert. Künstler musizieren und die Stadt ist voll mit Menschen. Am Eingang der Kirche treffe ich aber einen, der heraussticht. Javi – el peregrino – er erzählt mir, dass er bereits seit 24 Jahren auf Pilgerreise ist (was man riecht!), über seine Einsamkeit und dass er sich nun zur Ruhe setzen möchte, weil er so große körperliche Beschwerden habe. Gesehen hat er in den Jahren aber fast ganz Europa. Ich unterstütze ihn nach dem netten Gesapräch ein wenig mit Barem und mach mich zum Abendessen auf.

Freibier für Lederhosenträger

Beim Strohauer in Alt Heidelberg schaut der Gastgarten einladend aus. Kurz entschlossen setze ich mich hinein und schon bekomme ich von der ausnehmend hübschen Kellnerin eine Halbe Freibier serviert. Meine Fragezeichen werden schnelll beantwortet. In dem Lokal bekommen alle Gäste, welche mit Dirndl oder Lederhose kommen, das erste Bier gratis. Ein netter Zug und auch das Essen ist vorzüglich! Was auch von Nutzen ist: die Speisekarte ist phonetisch ins Bayrische übersetzt. So weiß ich wenigsten was ich bestelle. Nun ruft das Bett und – ach ja – schreiben soll ich für www.flachgau.tv auch noch was! Morgen gehts Richtung Sinsheim!

Mein Pilgerempfang

Heute HEUTE beginnt die Pilgerzeit! Gegen 14.30 Uhr wird die vierköpfige Salzburger Delegation von Domprobst Engelbert Prieß vor dem Fenster des Hl. Rupert im Dom zu Worms empfangen. Im Glas des Fensters ist ein Bildnis des Heiligen sowie die Inschrift Worms – Salzburg zu sehen. Der Probst hat bereits einmal in Salzburg gepredigt. Wir erfahren viel über die Geschichte und Ausmaße des Doms. Er kann sich mit seinen 108 Metern Länge mit jenen in Speyer oder Mainz messen. Der Geistliche segnet mich und die, die meinen sind und ruft für die Pilgerreise göttlichen Schutz herbei.

Meine Begleiter verabschieden sich dann Richtung Salzburg. Ich mache mich zum Rhein auf. Imposant zeigt sich das Nibelungentor auf der Wormser Seite des Flusses. Hier irgendwo soll vor zirka 1600 Jahren Hagen von Tronje die zwölf Wagen voller Schätze im Rhein versenkt haben. Im 800 Jahren alten Nibelungen Lied wird der Ort “Da zem Löche” genannt. Der 72-jährige Hans Jörg Jacobi, Sohn des ehemaligen Mainzer Bürgermeisters, glaubt zu wissen, wo er sich genau befindet. Mir sagt er es aber nicht!

Das Wetter ist wunderbar und so beschließe ich gleich ein paar Meter zu machen. Tatsächlich komme ich entlang des Rheinufers Richtung Südost gut voran und kann in Lampertheim übernachten. Defacto habe ich nun einen Vorsprung von zehn Kilometer gegenüber meinen Zeitplan. Vielleicht kann ihn ja noch mal brauchen?

Start in Worms

Helmut Naderer ist in Worms angekommen und startet hier seine Pilgerreise. Sind wir gespannt auf seine Berichte vom Fußmarsch in den nächsten 17 Tagen mit Ziel am 2. Oktober in Seekirchen.

Begleiten wir Helmut Naderer auf seiner Pilgerreise

Rupert Lenzenweger