Geschichtsstunde und Technikstudium

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Einfach nur trostlos. Einst wurde am Plöckenpass geschmuggelt auf „Teufel komm raus“. Jetzt fahren alle auf der Autobahn.

Einfach nur trostlos. Einst wurde am Plöckenpass geschmuggelt auf „Teufel komm raus“. Jetzt fahren alle auf der Autobahn.

Also mit der Motorradlfahrerei ist das manchmal schon recht komisch. Weil du etwas Spaß haben willst, fährst auf einer Passstraße mit möglichst vielen Kurven und Kehren. Dann bleibst kurz stehen und bist auf einmal ganz unerwartet mitten drinnen in einem Brennpunkt der Geschichte. So ist es uns am Plöckenpass ergangen.

Geschichtsunterricht am Plöckenpass. Hoch über der Passstraße ein Gebäude des Freilichtmuseums, das die Geschichte der Schlachten im Ersten Weltkrieg erzählt.

Geschichtsunterricht am Plöckenpass. Hoch über der Passstraße ein Gebäude des Freilichtmuseums, das die Geschichte der Schlachten im Ersten Weltkrieg erzählt.

Ich kenne den Plöckenpass vor allem aus Erzählungen von Menschen meiner Vorgeneration. Die haben Ende der Fünfziger- und Anfang der Sechzigerjahre als wagemutige Touristen damit begonnen, die italienische Adriaküste als Feriendomizil zu erobern. Und dazu fuhren viele über den „Plöcken“. Zuerst noch mit ihren Puch-Motorrädern und den Lohner-Rollern. Etwas später dann mit den 34-Ps starken VW-Käfern. Dabei mussten sie stundenlange Staus in Kauf nehmen. Weil zum einen die Anstiege zum Pass für die damaligen Fahrzeuge nur schwer zu bewältigen waren. Und weil zum anderen die Grenzkontrollen noch streng waren. Zurück von Italien nach Österreich ist es praktisch nie ohne Herzklopfen gegangen. Weil der Chianti unter dem Sitz, die Eselsalami zwischen den gebrauchten Socken und der San Daniele Schinken hinter dem Reserverad ließen dir kurz vor der Grenze schon den Schweiß über den Rücken rinnen. Aber was war das dann für ein erhebendes Gefühl, wenn es geschafft war? Die schärfsten Zöllner mit lässiger Unschuldsmiene hinters Licht geführt. Da kamst dir vor wie ein ganz gerissener Mafioso.

Damals herrschte am Plöckenpass ein reges Treiben. Wer es endlich über den Grenzbalken geschafft hatte, für den waren es nur mehr wenige Meter bis zum ersten Cappuccino bei einem Standl gleich neben der Straße. Und auch das Meer konnten wir von dort oben schon riechen. Haben wir uns halt eingebildet.

Heute ist der Plöckenpass tot. Trostlos grau, die Häuser verfallen und wer am Morgen hier ankommt, kann sich gar nicht vorstellen, dass irgendwann im Laufe des Tages die Sonne aufgehen könnte. Der Grenzbalken ist längst abgebaut. Auch das Cappuccinostandl gibt´s nicht mehr und die Zöllner sind seit Jahren in Pension. Wer noch über den Pass fahren muss, bleibt kaum mehr stehen. Wieso auch?

Ausflug nach Italien. Enger können Serpentinen nicht mehr sein, als auf der Straße oberhalb des Sauris-Sees.   Bilder: Bernadette Lenzenweger

Ausflug nach Italien. Enger können Serpentinen nicht mehr sein, als auf der Straße oberhalb des Sauris-Sees. Bilder: Bernadette Lenzenweger

Wir sind trotzdem stehen geblieben und wurden gnadenlos von der Geschichte eingeholt. Die hat aber nichts mit jenen fröhlichen Menschen zu tun, die vor rund fünf Jahrzehnten von hier aus die Adriaküste zum Ziel hatten. Vielmehr ist es die Geschichte von einem blutigen Krieg, der von 1915 bis 1917 hier tobte und Tausenden Österreichern und Italienern das Leben kostete.

Schon vor hundert Jahren war der Plöckenpass einer der wichtigsten Übergänge im Bereich der Karnischen Alpen. Mit der Eroberung dieses Passes hätten die Italiener praktisch die Versorgungswege der K.u.K. Armee gekappt. Der erste Angriff verlief aber ganz im Stile italienischer Kriegsführung: Schlecht vorbereitet, halbherzig und ohne Strategie. Wenige Österreicher konnten den Angriff parieren. Das hatte zur Folge, dass die Italiener im Mai und Juni 1915 ohne Rücksicht auf Verluste zu einem Sturmlauf um den Grenzkamm ansetzten.

Freikofel, Kleiner Pal und Großer Pal wurden in erbitterten Nahkämpfen und unter mörderischem Artilleriefeuer mehrmals erobert und wieder verloren. Allein der zweitägige Kampf um den Kleinen Pal kostete beiden Gegnern fast tausend Tote.

An diese schrecklichen Kämpfe erinnert das Freilichtmuseum am Plöckenpass, als weltweit größtes Museum dieser Art. Die Besucher erwartet eine Wanderung entlang von rekonstruierten Weg- und Stellungsanlagen, Baracken, Stollen und Postenständen.

Motorradland Kärnten: Die Nockalmstraße zieht sich 35 Kilometer durch das sanfte Gelände der Nockalmberge.

Motorradland Kärnten: Die Nockalmstraße zieht sich 35 Kilometer durch das sanfte Gelände der Nockalmberge.

Dass wir überhaupt auf den Plöckenpass gekommen sind, war eher Zufall, nachdem wir uns spontan entschlossen haben, ein paar Tage lang Kärnten auf zwei Rädern zu erkunden. Da haben wir uns bei der Anfahrt zunächst von der Nockalmstraße begeistern lassen. Die fast 35 Kilometer lange Straße führt in 52 Kehren durch den einzigen europäischen Nationalpark im sanften Hochgebirge mit dem größten Fichten- und Zirbenbestand der Ostalpen. Relativ flach schiebt sich die Straße nach oben und nach jeder Kurve tun sich atemberaubende Ausblicke auf. Da musst einfach vom Gas um zu schauen und die Gegend zu genießen. Dazu kommen zahlreiche Einkehrmöglichkeiten entlang der Straße. Wir haben mit der „Glockenhütte“ die höchste Raststätte ausgewählt. Nach Bauernkrapfen und alkoholfreiem Weißbier sind wir hinter der Hütte verschwunden, um an der Wunschglocke zu läuten. Wenn man dann noch einen kleinen Obulus in die Kasse wirft, soll der während des Läutens geäußerte Wunsch auch Wirklichkeit werden. Ich war bescheiden und habe mir für die nächsten paar Tage schönes Wetter gewünscht, nachdem ich heuer mit dem Motorrad schon recht oft im Regen unterwegs sein musste. Was soll ich sagen? Es hat geklappt. Ob´s wirklich an der Wunschglocke lag, kann ich jetzt auch wieder nicht sagen. Weil der gelernte Alpenvorlandler weiß: Grundsätzlich ist das Wetter überall stabiler als bei ihm zu Hause.

Blick von Sella Ciampigotto über den Tankrucksack hinweg auf die karnischen Alpen.

Blick von Sella Ciampigotto über den Tankrucksack hinweg auf die karnischen Alpen.

Schon die Anfahrt zur Nockalmstraße war ein Erlebnis. Wir sind durch das Thomatal auf der Bundschuh Landestraße gefahren. Was sich jetzt nach Hauptverkehrsweg anhört, entpuppte sich als liebliches Fahrwegerl durch ein breit verlaufendes Tal, das jedem Postkartenklischee entspricht. Der Bach rinnt neben der Straße, die Wiesen sind bunt mit Blumen übersäht und dass sich die Kühe nicht an Regeln halten und auch bei Verkehr recht stur auf der Straße stehen bleiben, passt gut zu diesem Bild, das von den Ausläufern der Nockberge recht imposant gerahmt wird.

Dass hier aber beileibe nicht immer die Landwirtschaft die Landschaft geprägt hat, zeigt ein Besuch des Hochofenmuseum Bundschuh direkt neben der Straße. Der Hochofen stammt aus dem Jahr 1862 und war damals der modernste Österreichs. Der Bergbau und die Verhüttung reichen aber bis in das 16. Jahrhundert zurück. Jahrhundertelang wurde das Erz im Schönfeldgebiet abgebaut und mit Ochsenfuhrwerken zehn Kilometer talauswärts nach Bundschuh gebracht, wo das Eisenerz im Winter zu Roheisen geschmolzen wurde. Im Hammerwerk Mauterndorf wurden dann daraus Nägel, Draht und Formstahl gemacht. Zum letzten Mal wurde 1903 Roheisen erzeugt, nachdem das Werk schon 1885 wegen Unrentabilität zum ersten Mal geschlossen wurde. Zum Glück wurde aus dem Hochofen in Bundschuh nie irgendwelche Anlagenteile entfernt, so dass heute die Besucher auf ein weitgehend vollständiges Industriedenkmal treffen.

In Felsen gehauen, mit Natursteintunnel geschützt und ein Traum für Motorradfahrer. Fahrt auf der Malta Hochalmstraße

In Felsen gehauen, mit Natursteintunnel geschützt und ein Traum für Motorradfahrer. Fahrt auf der Malta Hochalmstraße

Auf ein Industriedenkmal ganz anderer Art sind wir am nächsten Tag bei unserer Fahrt auf der Malta Hochalmstraße gestoßen. Diese gut 14 Kilometer lange Hochalmstraße endet auf 1.933 Meter Höhe bei der höchsten Staumauer Österreichs, der Kölnbrein Staumauer. 200 Meter Höhe und 626 Meter Breite sind notwendig, um in Spitzenzeiten 200 Millionen Kubikmeter Wasser zu stauen. Mit dieser Wassermenge könnte 1,4 Milliarden Menschen eine Badewanne eingelassen werden.

Aber nicht nur die Staumauer ist imposant. Auch die Straße selbst ist ein bautechnischer Leckerbissen und für jeden Motorradfahrer ein Traum schlechthin. In den Fels gehauen und mit Natursteintunnel gesichert, windet sich die Straße an unzähligen Wasserfällen vorbei hinauf bis auf fast 2.000 Meter Höhe. Ein Teil der Straße ist sogar so eng, dass eine Ampel notwendig ist, um den einspurigen Verkehr zu regeln.

Ein Spaziergang auf der Staumauer ist Pflicht. Aber nur absolut Schwindelfreie sollten sich auf den Airwalk wagen. Das ist eine Art Balkon an der Staumauer mit einem gläsernen Boden und einer 200 Meter freien Sicht in den nackten Abgrund.

Für jeden geeignet ist hingegen ein Besuch der Verbund-Energiewelt Malta. Hier werden die Hintergründe der Stromerzeugung sichtbar gemacht. Es gibt einen Überblick über Dimension und Arbeitsweise der Kraftwerksanlagen im Malta- und Mölltal und beleuchtet in einer Mineralienausstellung die Strukturen des Wassers und der Steine als wandelbares Element der Natur.

Zur Abreise gab´s dann doch noch einen kleinen Wermutstropfen. Der Morgen kam wolkig und bedeckt sollte es auch den ganzen Tag überbleiben. Keine Chance also, den Großglockner zu sehen und so entscheiden wir uns für die Felbertauernstraße.

Und weil der Großglockner zum jährlichen Pflichtprogramm gehört, wollen wir den König der Berge an einem schönen Tag im Herbst in Angriff nehmen. Vor allem auch deshalb, weil wir diesmal keine Maut bezahlen müssen. Wieso? Weil wir noch das Kärntner Panoramastraßen-Ticket für Motorräder haben. Dieses Ticket gilt für die Großglockner Hochalpenstraße, die Nockalmstraße, die Malta Hochalmstraße, die Villacher Alpenstraße und Goldecker Panoramastraße und erspart uns mehr als 50 Euro Mautgebühren. Erhältlich ist dieses Ticket bei allen „Motorradland Kärnten-Hotels“.

www.motorrad.kaernten.at

Rupert Lenzenweger

Nicht nur in Pisa gibt es einen schiefen Turm. Dieser hier steht mitten auf der Straße in Prato im Val Pesarina.

Nicht nur in Pisa gibt es einen schiefen Turm. Dieser hier steht mitten auf der Straße in Prato im Val Pesarina.

Die Kölnbrein Staumauer auf 2.000 Meter Höhe: 200 Meter Höhe und 626 Meter Breite sind notwendig, um in Spitzenzeiten 200 Millionen Kubikmeter Wasser zu stauen.

Die Kölnbrein Staumauer auf 2.000 Meter Höhe: 200 Meter Höhe und 626 Meter Breite sind notwendig, um in Spitzenzeiten 200 Millionen Kubikmeter Wasser zu stauen.

 

 

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