Kurventwist und Meeresrauschen

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OLYMPUS DIGITAL CAMERAFährt der liebe Gott eine Harley Davidson? Oder sitzt er auf einer dieser großen Reise-Enduros mit dem blau-weißen Propeller als Logo? Ein Motorradfahrer ist der liebe Gott aber auf jeden Fall. Denn wozu hätte er sonst Korsika aus dem Mittelmeer wachsen lassen?

 

Ste-Lucie-de-Tallano ist eines der schönsten Bergdörfer im Süden von Korsika.
Ste-Lucie-de-Tallano ist eines der schönsten Bergdörfer im Süden von Korsika.

Ganz sicher hat der liebe Gott sein Motorrad gleich irgendwo auf Korsika abgestellt. Vielleicht in einem Stall. Gleich ums Eck. Das würde passen. Weil so erspart sich der liebe Gott die lange Anreise, die wir erst auf uns nehmen müssen, um in dieses Paradies zu kommen.

Rund 800 Kilometer sind es von Mondsee bis Livorno. Auf der Autobahn in zwei Tagen leicht zu schaffen. Aber fad halt mit dem Motorrad. Wir sind zunächst bis Maranello bei Modena gefahren. Haben dann das Ferrari Museum besucht und sind am nächsten Tag die letzten 200 Kilometer zur Fähre auf der italienischen SS 12 gefahren. Diese Straße windet sich in den Bergen der Emilia Romagna und der Toscana, findet seinen Höhepunkt auf dem Albetone in knapp 1400 Meter Höhe und gibt einen ersten feinen Vorgeschmack darauf, was uns in den kommenden acht Tagen auf Korsika erwartet: Kurven, Kurven und noch einmal Kurven. Eingebettet in urwüchsige Landschaften und atemberaubende Ausblicke nach jeder Kehre.

Kurven gibt´s bei uns auch, kann jetzt jemand einwerfen. Recht hat er. Aber die Kurven in Korsika scheinen für Motorradfahrer gemacht. Da gibt es keine einzige Biegung, die im letzten Drittel so hinterlistig zu macht, wie bei uns oft. Vermutlich weil sich die Straßenplaner verrechnet haben und mit gleichbleibendem Kurvenradius den hinteren An

schluss nicht getroffen hätten. Auch der Asphalt ist in Ordnung. Ein bisserl rau vielleicht, hin und wieder ein Schlagloch. Aber aufpassen musst ja sowieso. Wegen den vielen Kühen und Schweinen auf den Straßen, die weiter oben auch noch Gesellschaft von Ziegen erhalten. Also Augen auf, weil es kann schon vorkommen, dass du nach einer Kurve auf etwas triffst, das dir am Abend dann in einer

etwas anderen Form wieder auf dem Teller präsentiert wird. Wildschwein ist eine der Spezialitäten in Korsika. Die gibt´s als Braten und Ragout, als Schinken oder Speck und als Salami verfeinert mit Käse oder würzigen Kräutern. Die wachsen ebenfalls gleich neben der Straße und legen speziell im Frühling einen unvergleichlichen Duft über die Insel. Macchia nennen die Korsen das, was so neben der Straße wächst, die Hügeln besiedelt und große Teile der Insel mit einem grünen Teppich überzieht. Da darf jedes Korn aufgehen, jeder Samen sprießen und jede Pflanze dort ihre Blüte gegen den Himmel strecken, wo gerade Platz dafür ist. Eine ordnende menschliche Hand hat die Macchia noch nie gesehen. Wahrscheinlich erklärt gerade das die unheimliche Vielfalt an verschiedenen Pflanzen.

Ausgewilderte Hausschweine betrachten die ganze Insel als ihr Reich und bevölkern auch die Straßen

Ausgewilderte Hausschweine betrachten die ganze Insel als ihr Reich und bevölkern auch die Straßen

Korsika hat grundsätzlich zwei Gesichter. Die Küstenregionen und das Bergland. An der Ostküste gibt es große Ferienorte für den Massentourismus. Die Westküste ist schroffer, felsiger und nicht überall zum Baden geeignet. Der Golf von Porto wurde von der UNESCO sogar zum Kulturerbe erklärt. Wir haben hier auf dem Weg von Calvi nach Corte Mittagsrast gemacht. Die Fahrt auf der engen Küstenstraße war schlichtweg berauschend. Leichter Nieselregen ließ das Grün neben der Straße noch saftiger erscheinen. Und weil sich die Wolken nur über das Land legten und über dem Meer die Sonne schien, kroch ein ganz einzigartiges Licht gemeinsam mit uns der Küstenstraße entlang.

Auf den ersten Blick ist Centuri-Port an der Nordspitze Korsikas ein kleines, verschlafenes Nest. Tatsächlich ist der Ort aber der wichtigste Langusten-Fischereihafen Frankreichs

Auf den ersten Blick ist Centuri-Port an der Nordspitze Korsikas ein kleines, verschlafenes Nest. Tatsächlich ist der Ort aber der wichtigste Langusten-Fischereihafen Frankreichs

Wer von den Küstenstraßen ins Landesinnere abbiegt, wird oft schon bald von dichten Wäldern verschluckt. So führt die Straße von Porto nach Corte durch den „Foret Dom Aitone“. Das ist ein dichter Kastanienwald in dem sich die Straße auf 1.477 Meter schlängelt und schließlich über den „Col de Verghio“ führt. Das ist einer von mehreren Pässen, die in Korsika allesamt recht unspektakulär daher kommen. Da gibt es auf der Passhöhe kein Restaurant, so wie bei uns. Es gibt auch keinen Souvenirstand der Kühlschrankmagneten oder Abziehbilder verkauft. Nur ein Schild weist die einsamen Motorradfahrer darauf hin, dass sie jetzt den höchsten Punkt erreicht haben. Oft kann man diese Schilder aber nicht lesen, weil sie zerschossen sind. Das ist in Korsika üblich. Genauso wie das Übermalen der französischen Namen auf den zweisprachigen Ortsschildern, so dass nur die korsische Variante lesbar bleibt. Französisch ist in Korsika zwar Amtssprache. Aber vor allem im Landesinneren sprechen viele „korsisch“. Das ist eine Mischung aus Französisch und einem großen Teil toskanischem Italienisch.

Wer viel in den Bergen unterwegs ist, erlebt die schönsten Facetten des Motorradfahrens und ist die meiste Zeit alleine unterwegs. Denn das Landesinnere ist nur schwach besiedelt. Die kleinen Bergdörfer schmiegen sich wie Schwalbennester an die bewaldeten Berghänge. Die Dorfplätze sind klein und unglaublich steil. Die wenigen Gassen sind eng und oft für Autos nicht befahrbar. Ist auch gar nicht notwendig, weil meist wohnen eh nicht mehr als 400 Leute in den

Wer etwas höher in den Bergen unterwegs ist, muss auch mit Ziegen auf der Straße rechnen

Wer etwas höher in den Bergen unterwegs ist, muss auch mit Ziegen auf der Straße rechnen

Dörfern, von denen jedes einzelne eine Filmkulisse sein könnte.

Krasser Gegensatz dazu sind die Städte Bastia an der Ostküste und die Hauptstadt Ajaccio an der Westküste. Hektischer Verkehr und geschäftiges Treiben prägen hier das Leben. Corte im Landesinneren ist ähnlich. Zwar wesentlich kleiner als die beiden anderen Städte, aber als Universitätsstadt vor allem ein Treffpunkt der jungen Leute.

Vom Trubel der Hauptstadt haben wir uns schon nach einer Nacht verabschiedet und nach dem Besuch der steinzeitlichen Ausgrabungen in Filitosa wieder den Weg in die Berge eingeschlagen. Zonza war unser Ziel. Das haben wir über den Umweg über Aullene, Zicavo, Santa Maria Sicche und über den 995 Meter hohen „Col de St. Eustache“ erreicht. Hier tauchen mit der Bavella-Gruppe plötzlich Berge auf, wie es sie sonst auf ganz Korsika nicht gibt. Scharf gezackt erinnern die roten Riesen zumindest von der Form her stark an die Dolomiten. Dass diese Berge Wanderer und Bergsteiger anlocken, ist nicht weiter verwunderlich. Und so hat sich mit Zonza ein zentraler Ort für Naturliebhaber, Wanderer und Bergsteiger entwickelt, die vor allem aus Frankreich und Italien kommen.

Atemberaubend: Der Blick von der Altstadt Bonifacios auf den Hafen

Atemberaubend: Der Blick von der
Altstadt Bonifacios auf den Hafen

Die atemberaubendste Stadt ist Boncifacio, ganz im Süden der Insel. Wer mit dem Segelboot kommen möchte, muss zunächst durch die „Straße von Bonifacio“. Eine Meerenge zwischen Sardinien und Korsika, in der der Wind stets kräftig bläst und sich nicht selten zu einem Sturm hochschaukelt. Wer mit dem Segelschiff diese Meerenge durchquert und schließlich im gemütlichen Hafen von Bonifacio festmachen kann, hat sich damit so etwas wie den seglerischen Ritterschlag verdient.

Nicht ganz so aufregend ist die Anfahrt mit dem Motorrad vom Norden her. Bevor man auf den „Highway“ einbiegt und mehrere Kilometer schnurgerade auf Bonifacio zurollt, grüßt noch der steinerne Löwe. Das ist ein Felsen, der einem sitzenden Löwen zum Verwechseln ähnlich sieht und hätte ein Bildhauer diese Skulptur geschaffen, könnte man ihm großes künstlerisches Talent nicht absprechen.

Die Altstadt von Bonifacio sitzt auf Kreidefelsen, die mehrere hundert Meter senkrecht ins

Die Klosterruine von Orezza ist eine der vielen historischen Leckerbissen auf der Insel. In diesem ehemaligen Franziskanerkloster wurde 1751 Jean-Paul Gaffori zum obersten Boss der Revolutionsregierung im Kampf gegen die Genueser gewählt. 1790 trafen sich hier Pascal Paoli und der junge Napoléon Bonaparte kurz bevor sie den Feldzug gegen Sardinien verloren. Im Zweiten Weltkrieg hatten die Italiener im Kloster ein Munitionslager, das von den Deutschen bombadiert wurde. Seither verfällt das Kloster

Die Klosterruine von Orezza ist eine der vielen historischen Leckerbissen auf der Insel. In diesem ehemaligen Franziskanerkloster wurde 1751 Jean-Paul Gaffori zum obersten Boss der Revolutionsregierung im Kampf gegen die Genueser gewählt. 1790 trafen sich hier Pascal Paoli und der junge Napoléon Bonaparte kurz bevor sie den Feldzug gegen Sardinien verloren. Im Zweiten Weltkrieg hatten die Italiener im Kloster ein Munitionslager, das von den Deutschen bombadiert wurde. Seither verfällt das Kloster

Meer abfallen. Enge Gassen, geschäftiges Treiben und auch im Mai schon viele Touristen bestimmen hier das Straßenbild. Der zweite Teil der Stadt ist das moderne Hafenviertel, das die Franzosen gerne als die südlichste Flaniermeile ihres Landes bezeichnen.

Nach gut 1.400 Kilometer quer durch Korsika sind wir am letzten Tag wieder in Bastia gelandet. Wir lassen uns in einem der gemütlichen Cafés am alten Hafen nieder, bestellen das aus Kastanien gebraute Pietra und freuen uns über die gelungene Reise. Wir haben eine Insel der Gegensätze kennen gelernt, waren begeistert von der Freundlichkeit der Korsen und staunten über die unglaubliche Schönheit der Natur.

In kleinen Geschäften werden die Spezialitäten der Insel angeboten

In kleinen Geschäften werden die Spezialitäten der Insel angeboten

Wenig später haben sich italienische Motorradfahrer an den Nebentisch gesetzt. Neuankömmlinge, eben dem Bauch der Fähre entkommen. Denen haben wir erklärt, dass sie im Paradies gelandet sind und hier der liebe Gott ganz sicher auch mit dem Motorrad unterwegs ist. Die Italiener lachten und meinten, dann ist der liebe Gott aus Sardinien herübergekommen. Weil dort hat er garantiert auch ein Motorrad stehen…

In sieben Etappen mit dem Motorrad durch Korsika: 1 = Bastia über das Cap Corse bis I`lle Rousse. 2 = I`lle Rousse bis Corte. 3 = Corte bis Ajaccio. 4 = Ajaccio bis Zonza. 5 = Zonza bis Bonifacio. 6 = Bonifacio bis Corte. 7 = Corte bis Bastia

In sieben Etappen mit dem Motorrad durch Korsika: 1 = Bastia über das Cap Corse bis I`lle Rousse. 2 = I`lle Rousse bis Corte. 3 = Corte bis Ajaccio. 4 = Ajaccio bis Zonza. 5 = Zonza bis Bonifacio. 6 = Bonifacio bis Corte. 7 = Corte bis Bastia

Text: Rupert Lenzenweger,

Bilder: Rupert Lenzenweger jun.

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