Ist die „Neue Mittelschule” eine Verbesserung?

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VocknerDer Rohbericht des Rechnungshofs weist für die Neue Mittelschule auf extrem hohe Kosten hin, die zwar zum Teil deshalb entstehen, weil ein höherer Integrationsbedarf besteht, der mit höheren Kosten zu Buche schlägt, so Paul Kimberger, Vorsitzender des Zentralausschusses für Landeslehrer APS OÖ auf Anfrage. Dennoch stellt sich die Frage, ob der Kostenfaktor mit dem angeblich besseren System als Gewinn gerechtfertigt ist. Ein hoher Teil der Kosten – das Finanzrahmengesetz hat für die Neue Mittelschule kolportierte 400 Mio Euro eingeplant – bleibt in der Verwaltung hängen und kommt nicht dort an, wo es gebraucht würde – in den Klassenzimmern.

Die Schule ist ein heißes Thema, ganz gleich, welche Jahreszeit, welches Bundesland oder welche MinisterIn: man könnte den Eindruck gewinnen, dass nichts so wichtig ist, wie die Schule. Stimmt letztlich, denn Bildung ist ein gewaltiger Staatsbesitz. Österreichs Staatsreserve, die Bildung, hat eine neue Recheneinheit bekommen, die „NMS“ – oder „Neue Mittelschule“. Dafür wurde eine altbekannte Größe, die „Hauptschule“ in Pension geschickt. Schon im nächsten Schuljahr werden in Österreich kaum mehr Hauptschulen zu finden sein, das Bildungsministerium spricht von einer NMS-Deckung von mehr als 95 Prozent. Am Schulstandort Mondsee hat das NMS-Zeitalter schon begonnen. Mit Schulbeginn 2013/14 hat an beiden vormals Hauptschulen der erste Jahrgang NMS begonnen, die Hauptschul-Klassen laufen aus. Was bedeutet das für die beiden Schulen, für die SchülerInnen, für die beiden Leiter, Gustav Widlroither von der UNESCO-NMS und Mag. Franz Vockner, SMS und ihr pädagogisches Team? Was ändert sich wirklich und wird wirklich „alles besser“?

WidlroitherWie geht es Ihnen nach einem Semester mit der „Neuen Mittelschule“ (kurz NMS)?

 Widlroither: Die Situation ist für uns natürlich neu, es sind mehr Konferenzen und Besprechungen nötig, um die Teamarbeit zu begleiten, der Team-Entwicklungsprozess und das Team-Teaching muss trainiert werden, das ist auch für die Lehrer neues Terrain.

Vockner: Die Leiterarbeit ist jetzt im Grunde auch nicht anders als sonst, die Hauptarbeit lag im Vorfeld, als das Konzept entwickelt wurde. Das hat sich jetzt eingependelt.

 Widlroither: Das ist richtig. Wir haben hier in der internen Fortbildung mit dem Kollegium eine Stärken-Schwäche-Analyse gemacht und darauf aufbauend ein neues Konzept entworfen, diese SCHILF (= schulinterne Fortbildung) hat das Kollegium zusammengebracht und auch Skeptiker angesprochen.

 Vockner: Jetzt im Einstieg arbeiten vor allem die überzeugten PädagogInnen im NMS-Zweig, das Team-Teaching ist eine Herausforderung, sich plötzlich nach manchmal Jahrzehnten des „Einzelkämpfertums“ mit einem Kollegen, einer Kollegin in einer Unterrichtseinheit zu akkordieren, das ist neu.

 Widlroither: Manche haben hier schon praktische Erfahrung, etwa aus dem Unterricht in Integrationsklassen, oder aus dem Sportunterricht, für andere ist das komplettes Neuland. Der Vorteil ist, dass es nun leichter möglich ist auf eine Klassensituation rasch zu reagieren, wobei eine gezielte Absprache der beiden PädagogInnen wichtig ist. Es entstehen auch Synergieeffekte, weil sich Kollegen jetzt mit ihren unterrichtlichen Stärken kennenlernen und stärken können.

Vockner: Das Teamteaching ist in der Idealform gemeinsam geplant und genau auf die Kinder abgestimmt, das erfordert jetzt mehr Planungsarbeit, was ich aber positiv sehe.

 Widlroither: Das geht bis zur Beurteilung, weil sie noch mehr kriterienorientiert sein muss, noch transparenter, da ja zwei LehrerInnen zu einer Note finden.

Stichwort Noten: verändert die NMS das Notenbild nicht enorm? Wo bisher drei Leistungsgruppen jeweils im Prinzip 5 Noten hatten, gibt es jetzt ja nur mehr eine Skala von eins bis fünf.

 Vockner: das ist richtig, jetzt decken 5 Noten das ganze Spektrum ab, bisher waren es drei mal fünf. Damit erhält das Genügend einen neuen Aspekt, es wird eine häufiger vergebene Note sein, die aber auch sagt: „entspricht den Vorgaben des Lehrplans, genügt.“ Spannend wird das dann in der 7. Schulstufe, wo zwischen Erweiterungsstoff und Kernstoff unterschieden wird, hier ein System zu finden, ist noch herausfordernd für die PädagogInnen.

Ist der „Vierer“ als „Dauernote“ denn nicht gefährlich demotivierend für die SchülerInnen, kommt es nicht zur Gefahr von „innerer Kündigung“?

Vockner: Ich denke, es ist nötig, den Leistungszuwachs neu zu dokumentieren und nicht über die Note zu zeigen. Es braucht ein anderes „Belohnungssystem“.

Widlroither: Neben den Noten ist eine neue Feedback-Kultur notwendig, etwa einen Feedback-Katalog für Einzelleistungen zu schaffen, und zwar in alle Richtungen, zwischen Schülern und Lehrern und Lehrerinnen und Leitung. Genau hinzuschauen: Was können die Kinder wirklich?

Das heißt, Beurteilungen in Richtung Lernzielkatalog oder mündliche Beurteilung auszubauen?

Vockner: Sicher, doch die verbale Beurteilung hat auch Grenzen.

Widlroither: In diesem Zusammenhang wird die Schnittstellenarbeit sehr wichtig: welche Kompetenzen sollen die SchülerInnen haben, wenn wir sie aus dem NMS-Bereich entlassen und welche Kompetenzen brauchen die SchülerInnen von der Grundschule her kommend? Diese schulübergreifende Zusammenarbeit und Kommunikation wird jetzt besonders wichtig, da arbeiten wir daran.

Hat sich mit der Einführung der NMS auch etwas am Lehrplan geändert?

Vockner: Nein, im Grunde ist es der ganz normale AHS-Unterstufen-Lehrplan, allerdings wurde der Bereich Werken jetzt zusammengeführt. Es gibt keine Unterscheidung mehr zwischen einem Fach „technisch Werken“ und einem Fach „textiles Werken“. Das heißt, die SchülerInnen haben jetzt Werken und dabei sowohl technische als auch textile Lerninhalte.

Was ändert sich bei den Schwerpunkten der beiden Schulen?

Vockner: Die Sportklasse bleibt natürlich, ebenso die Sprachen, bei uns ab
der dritten Schulstufe Spanisch und Italienisch. Ein Schwerpunkt bei uns
bleibt (bzw. wird )der EDV-Unterricht, den Bereich „Geometrisch Zeichnen“
haben wir aus der Mathematik herausgenommen und decken ihn in
Spezialgruppen ab.

Schwerpunkte bleiben ab 7. Schulstufe: Musik & Band, Ernährung &
Wirtschaften, Grafik & Bildgestaltung, Handwerk & Design, Informatik &
Medien,
Ab der 7. Schulstufe – spezielle Lerngruppen gibt es in Deutsch, Englisch u.
Mathematik als Form der Differenzierungen – wir wollen allen gerecht werden.

 Widlroither: Auch bei uns bleibt der Sprachschwerpunkt bestehen, Französisch und Italienisch ab der 2. Klasse. Ab der 3. Klasse werden die bisherigen Schwerpunkte mit den Wahlpflichtfächern abgedeckt, da wird es einen Schwerpunkt Informatik und Design geben, einen Schwerpunkt Kunst und Kreativität und einen Schwerpunkt im Bereich Bewegung/Gesundheit/Soziales.

Ab dem 2.Semester bieten wir für unsere 1.Klassen einen kostenlosen und freiwilligen LERNTREFF, eine neue und attraktive Möglichkeit für selbständiges Arbeiten, alle 2 Wochen an einem Montagnachmittag in der 8. und 9.Einheit an. Dabei können unsere 1.Klassler mit „Schülerexperten“ aus den ersten bis dritten Klassen in Deutsch, Mathematik oder Englisch Lernrückstände abbauen und werden dabei auch von LehrerInnen beaufsichtigt. Das soziale Lernen hat bei uns einen starken Schwerpunkt, neben der schulischen Leistung zählen die sozialen Fähigkeiten der SchülerInnen. Wir an der UNESCO arbeiten mit Lernlabors, wo die SchülerInnen im Sinne des selbständigen Lernens 2 Unterrichtseinheiten in den Fächern Deutsch, Englisch und Mathematik Stoffwiederholung und Stoffergänzung, je nach individuellem Bedarf arbeiten. Die Vorbereitung dieser Lernlabor-Boxen hat enorme Zeit verschlungen und auch der Materialbedarf war herausfordernd. Da ist es mir wichtig, zu erwähnen, dass wir hier in Mondsee seitens des Schulerhalters ein wirklich sehr schulfreundliches Klima haben.

Vockner: Das ist richtig. Wir leben in einer Region, wo die öffentliche Hand ein großes Ohr für die Schulen hat, das schafft gute Rahmenbedingungen.

Wie sehen Sie die Diskussion im Licht der bisherigen Erkenntnisse zur Neuen Mittelschule?

Widlroither: Ganz klar ist, wir hier am Land hätten den Umstieg nicht gebraucht, denn wir waren vorher auch schon die gemeinsame Schule für nahezu alle SchülerInnen im Einzugsgebiet. Ich halte es für bedenklich, dass die NMS vor ihrer Einführung nicht evaluiert worden sind, das hat es bisher nicht gegeben. Es bleibt abzuwarten, wie das Ergebnis nach einem gesamten Durchgang ausfällt.

Vockner: Die NMS ist eher ein politischer Kompromiss. Wie weit politische Kompromisse für erzieherische Fragen gut sind, möchte ich nicht diskutieren. Gesamt gesehen sollte man sich die Frage stellen: Was soll eine Schule leisten? Das ist eine gesellschafstpolitische Frage. Es braucht auch einen neuen Ansatz: der Lehrer ist derjenige, der lehrt, die Aufgabe der Schüler ist es, zu lernen.

Interview: Cristina Burda

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