Nächtliche Erlebnisse im Matratzenlager

Ich gestehe! Auf einer Hütte in einem Matratzenlager habe ich schon eine halbe Ewigkeit nicht mehr geschlafen. Und wenn, dann vor vielen Jahren mit Bekannten und Freunden. Diesmal kenne ich keinen Einzigen meiner Bettgenossen. Zwei Männer, zwei jüngere Pärchen und ich werden von der jungen Wirtin dem Zimmer mit der Nummer 1 zugewiesen.

Am Abend komme ich mit einem Deutschen, der allerdings schon zwanzig Jahre in Wien lebt, am Tisch ins Gespräch. Zuerst erfahre ich von seinen überstanden Krankheiten, einem Herzinfarkt und seiner Hüftoperation, bis wir auf meine Berufe zu sprechen kommen. Da blüht sein Wissensdurst förmlich auf.  Polizei und Politik dürften seine Lieblingsthemen und Wisssengebiete sein. Ich komme gar nicht dazu, alle aus seinem Mund heraussprudelnden Fragen wirklich zu beantworten. Aber der Pensionist kennt sich zweifellos mit den österreichischen Gegebenheiten, dem rotschwarzen Postenschacher in der Politik und im Beamtentum, aus. Er liefert Beispiele aus Wien, die sogar mir als „Hartgesottenem“ die „Grausbirne“ aufsteigen lassen. Unsere gemeinsame Schlussfolgerung: Wien ist wirklich noch schlimmer als Salzburg. Dem Gespräch primär folgend isst er nebenbei einen  Grillteller mit zwei Koteletts und einem Berg an Beilagen. Bei der Hälfte gibt er auf und meint zum Kellner: das Essen sei zu salzig. Der Kellner bietet als Entschuldigung eine Suppe und ein Glas Wein an. Suppe nein, Wein ja! Nach dem Abendessen verabschieden wir uns. Der Mann wurde im anderen Gemeinschaftsraum untergebracht.

Meine 32 Kilometer und die wohl weit mehr als 1000 Höhenmeter in den Beinen spürend, begebe ich mich um halb 9 Uhr zu Bett, nein zur Matratze. Ich schlafe direkt am Fenster im oberen Stockbettbereich. Eingewickelt in die gemietete „Schlafsack-Bettwäsche“ dauert es nicht lange und schon bin ich ins Land der Träume versunken.

Matratzenlager Nr. 1 auf der Oberhüttensee-Alm.

Am Schauplatz: Stockfinstere, völlig ruhige Nacht auf 1.850 Meter Seehöhe. Man meint förmlich jede Bewegung eines Grashalmes zu hören. Plötzlich weckt mich ein Geräusch! „Tripptrapp“höre ich im Raum. Die Tür geht knarrend auf und den leichten Tritten nach, macht sich eine der Frauen auf den Weg zum WC im Gang. Sie kommt zurück, bewaffnet mit einer kleinen Stabtaschenlampe, und legt sich wieder ins Lager. Es folgt noch ein Geflüstere mit ihrem Freund. Dem Inhalt nach, sind sie sicher der Meinung, dass die anderen sie nicht hören können, ein schmatziges „Bussal“ – und dann Ruhe. Ich drehe mich einmal hin und her, schlafe frohsinnig wieder ein. Unbekannte Zeit später: durch einen erdbebenartigen „Rumpler“ werde ich abrupt geweckt. Der andere Mann auf der oberen Etage des Bettlagers ist „tramhappat“ (schlaftrunken) die Bettleiter hinuntergefallen. Er sitzt auf seinem Hinterteil, schimpft und entschuldigt sich zugleich und geht dann seines Weges in den Gang. Danach fällt es mir nicht mehr so leicht einzuschlafen. Andere Bettgenossen sind da nicht so zimperlich. Es dauert nämlich nicht lange und ich höre leichte bis laute Schnarchgeräusche. „Schäfchenzählen“ ist mir als Einschlafhilfe zu wenig hilfreich, so gehe ich meinen italienischen Wortschatz durch und denke mir ein paar Konjugationen durch. Ein Beispiel: „sapere – heißt: wissen“, ich weiß: „so“, du weißt: „sai“, er, sie, es weiß: „sa“, wir wissen: „sappiamo“, ihr wisst: „sapete“, sie (Mehrzahl) wissen: „sanno“. Irgendwann schlafe ich dann doch wieder weg. Zuvor höre ich noch Geräusche, die wohl der Entweichung von Gasen zuzurechnen sind. Geruchsmäßig bleibt mein Eck am Fenster glücklicherweise verschont.

Obwohl die nächtlichen Ereignisse – vielleicht waren es Träume – auf ein gewisses Schlafdefiziet hindeuten könnten, bin ich um 6 Uhr „putzmunter“. Die ersten Sonnenstrahlen versuchen sich über die steile Felsenwand des „Merecks“ zur Hütte und zum See. Ich mache mich auf den Weg an den See und fange ein paar einzigartige Sonnenaufgangsmomente ein. Von meiner Morgenwanderung zurückgekehrt gibt es ein richtig uriges Alm-Frühstück. Der Kaffee ist nicht erwähnenswert, aber das Schwarzbrot, bestrichen mit der selbstgemachten Butter… Ein „Haubenkochfrühstück“ kann nicht besser schmecken, bin ich bei jedem Biss ins Butterbrot felsenfest überzeugt.

6 Uhr: Sonnenaufgang am Oberhüttensee in den Radtstätter Tauern.
Malerische Morgen-Dämmerung mit ersten Sonnenstrahlen über das Mereck auf der Oberhütte am See.

Auf gehts gleich nach dem Frühstück. Der Weg führt eine knappe Stunde über Stock und Stein steil hinunter zur „Vögei-Alm“ und dann hinaus zur Ortschaft „Forstau“. Sie ist mit nicht einmal 600 Einwohnern eine der kleinsten Gemeinden Salzburgs. Eine Rast beim Forstauer Wirt ist allemal zu empfehlen, zumal der Wanderer schon wieder dreieinhalb Stunden Gehen in den Beinen hat. Doch bevor er noch die Küche des Wirtes riechen kann, wird der Wanderer mit einem Blick auf das Dachsteinmassiv belohnt, der einem das Herz aufgehen lässt:

Der überwältigende Anblick des Dachsteinmassivs aus Forstau von der Vögei-Alm kommend.
Der Weg über Fels und Stein ins Tal zur Vögei-Alm.
Die „Pferde-Rasselbande“ ist für alles zu haben…
Die junge Kuh genießt unbefangen den herrlichen Sommertag. Schon tags darauf ist Schneefall ab 1700 Meter angesagt.

 

 

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