Nach 500.000 Schritten kommt der Wetterumschwung

14 Tage herrliches Wanderwetter habe ich hinter mir. 500.000 Schritte habe ich bis heute gemacht. Zugegeben, die 40 Grad im Schatten zwischen Cormòns und Udine waren schon beschwerlich, aber immer noch besser als viel Regen. Es war heiß, es war warm und die zwei, drei „Schütter“ habe ich in Unterständen gut abwarten können. Doch jetzt wird alles anders. Der Wetterbericht spricht von Schneefall bis auf 1700 m herab. Gottseidank habe ich meine höchsten Passagen schon hinter mir. Zwei Tage später, wenn ich gestartet wäre, so hätte es mich wahrscheinlich am Oberhüttensee mit meiner Lederhose eingeschneit. Und noch was zugegeben, für einen richtigen Wintereinbruch ist mein Rucksack nicht bepackt. Zu schwer hätte ich durch das mediterrane Italien und durchs sommerliche Kärnten geschleppt.

Morgens werde ich dann wirklich vor nasse und kalte Tatsachen gestellt. Meine Route geht via Filzmoos und Lungötz nach Annaberg. Es schüttet den ganzen Tag, wie aus Kübeln. Ganz kurze Pausen lassen zwar Hoffnung aufkommen, doch eben immer nur kurz.

Mit Regenkleidung und Wanderkarte in Filzmoos.

Von Filzmoos geht es auf den Langeggsattel Richtung Lungötz. Mehrmalige Auf- und Abstiege sind zu absolvieren. Trotz modernen Regenschutzes kommt nicht so wirklich Freude auf. Die Wege sind gut ausgebaut, aber ständiger Regen unterminiert die Motivation. Trotzdem mache ich unentwegt weiter. Es bleibt mir auch gar nichts anderes übrig. Hier heroben gibt es nur Wald und den Weg. Kein einziger Wanderer kommt mir bei dem „Sauwetter“ unter. Im Nebel – ich glaube, ich bin durch Wolken gegangen – fällt auch die Orientierung nicht immer so leicht. Die Wege ähneln sich zu sehr. Ich kämpfe mich Meter für Meter vorwärts. Dank des tollen Regenschutzes bleibt der Rucksack völlig trocken. Der untere Rand der Lederhose bekommt aber schon seine Feuchtigkeit ab.

Der große Blick zur Bischofsmütze bleibt mir wegen des Regens verwehrt.

Wem der Blick in die Ferne verwehrt ist, der sieht seine nahe Umgebung um so besser. Heute ist der Tag, an dem die Tiere, die es nass lieben „Kirtag“ haben. Frösche und Kröten hüpfen mir reihenweise über den Weg. Und dann schärft sich mein Blick noch mehr. Ich entdecke Kaulquappen am Wegesrand. Kaulquappen habe ich wahrscheinlich seit meiner Kinderheit nicht mehr so beobachtet. 20, 30 Exemplare flitzen in der Pfütze hin und her. Gewarnt von meinem Schatten scheinen sie aufgeregt zu sein. Ein Bild zu machen ist mindestens so schwer, wie einen der Frösche vor die Linse zu bekommen. Bei einer der Kaulquappen scheint dann doch die Neugier vor der Furcht zu obsiegen. Sie hält still und wird mein heutiges „Model“:

Der Regen nimmt die Sicht in die Ferne. Beobachtungen im Nahbereich sind dann um so spannender.
Ein Pilz, den man nicht pflücken und schon gar nicht essen sollte, am Langeggsattel.
Im Regen entdeckt: vermorschter und vermoderter Jäger-Hochstand mit Seltenheitswert am Weg nach Lungötz.

Ich habe es bisher ja nicht verheimlichen können. Geschichtlich bin ich schon interessiert. Von einem „Hobby-Historiker“, so wie mich die Salzburger Nachrichten tituliert haben, bin ich aber weit weg. Ein Körnchen Wahrheit mag aber vielleicht schon dran sein. Bei meinem einsamen Weg heute über die Berge denke ich immer wieder so etwa 2200 Jahr zurück. Die legendäre Alpenüberquerung von „Hannibal“. Der Karthager aus dem heutigen Tunesien konnte die Römer am Seeweg nicht besiegen. Er änderte seine Strategie. Er griff nicht auf dem Seewege an, sondern marschierte am Landweg über die Alpen, Richtung Rom. Aber nicht er allein, oder er und sein Gefolge gingen den schweren Weg über das winterliche Hochgebirge. 50.000 Soldaten und 37 Kriegselefanten begleiteten ihn. Noch  bevor es zur ersten Schlacht kam, waren die Hälfte der Soldaten und die Hälfte der Elefanten tot. So sehr litten sie unter den Strapazen der Alpenüberquerung.

Trotz des frustrierenden Schlechtwetters freue ich mich, dass ich nicht der Mission „Hannibals“ angehöre. Dass nicht Krieg und Eroberung mein Ziel ist, sondern einfach nur Dankbarkeit und der Wunsch nach Frieden für immer zwischen Italien und Österreich und Frieden für alle Menschen dieser Welt. Denn: In historischen Zeitepochen gesehen, sind die seit 1917 vergangenen 100 Jahre, der zwölften und letzten Schlacht am Isonzo zwischen Österreich-Ungarn und Italien, nur ein Wimpernschlag.

 

 

 

 

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